Operation 'Lechuga Verde'

Schon vor Monaten, als der Flug bereits gebucht war, stand fest, dass ich mindestens ein Nachbarland Kolumbiens besuchen würde. Besonders im Visier hatte ich das von schweren Problemen geplagte Venezuela. In einem russischen sozialen Netzwerk nahm ich mit mehreren Venezolanern Kontakt auf, um mehr über ihr Land zu erfahren. Auf meiner Prioritätenliste standen die Angel Falls und Caracas. Doch die Preise in Caracas, die selbst für europäische Verhältnisse übertrieben teuer erschienen, ließen mich zwischenzeitlich andere Pläne für meinen zweiten Aufenthalt in Südamerika schmieden, bis mich irgendwann eine Venezolanerin mit einer gewissen Dringlichkeit auf eine besondere Entwicklung in Venezuela aufmerksam machte und mich dazu ermutigte, US-Dollar mitzubringen. Nach intensiveren Recherchen zu ihrem Anliegen änderten sich meine Pläne wieder grundlegend.

 

So kam es zu den ersten Vorbereitungen für die Operation "Lechuga Verde", auf deutsch übersetzt "grüner Salat". Der Begriff wird unter vielen Einheimischen als Code-Wort verwendet, seitdem die venezolanische Regierung beschloss, es zu verbieten, über "Dolar Paralelo" zu sprechen. Die Regierung unter Maduro versucht, den Trend von des verstorbenen Hugo Chavez fortzusetzen und den US-Einfluss in Venezuela zu verringern. Der während der Chavez-Ära entstandene Dollarmangel hatte allerdings einen boomenden Schwarzmarkt zur Folge, der unter der neuen Regierung nur neue Höhen erreicht hat. Es handelt sich aber hierbei nicht bloß um neue Höhen, sondern um Entwicklungen, die man in keinem anderen Land beobachten kann. Der offizielle Kurs in Venezuela beträgt 6,43 BsF (Bolivares Fuertes) pro Dollar. Als ich mir die Schwarzmarktpreise betrachtete, begann ich zu verstehen, warum meine neue Bekanntschaft mich mit so einer Dringlichkeit zu dem Thema ansprach: Für einen Dollar erhielt man auf dem Schwarzmarkt zu der Zeit etwa 75 BsF. 

 

Mit dieser Information muss man kein großes Vorstellungsvermögen mehr besitzen, um auf äußerst profitable Ideen zu kommen. Eine solche Idee hatte ein Mann im Jahr 2013, als er nach Venezuela reiste, um von dort aus 16 Flüge zu buchen und die Welt zu bereisen. Dank des Schwarzmarkts zahlte er lediglich 600$ (Bevor Sie nun von der Euphorie getrieben ein Ticket nach Venezuela buchen, lesen Sie zuerst weiter). Das dadurch entstandene Defizit im Staatshaushalt machte sich natürlich bei der venezolanischen Regierung bemerkbar, und den Fluggesellschaften sind die extrem preiswerten Buchungen erst recht nicht entgangen, so dass nicht lange später die Preise für internationale Flüge sehr stark in die Höhe geschossen sind bzw. sehr viele Fluggesellschaften sich aus Venezuela zurückgezogen haben. Somit haben die meisten Venezolaner derzeit kaum eine Chance, ihr Land zu verlassen.


Es versteht sich auch von selbst, dass die Preise für alle möglichen Exportprodukte in Venezuela extrem hoch sind, weil aufgrund der Gegebenheiten durch den Schwarzmarkt andernfalls alle möglichen ausländischen Firmen die Geschäfte mit Venezuela stoppen würden. Die venezolanische Regierung hat bislang davon abgesehen, ihre Währung noch weiter zu entwerten. Um den Anstieg des Schwarzmarktpreises zu hemmen und die Gemüter der Investoren zu besänftigen, haben sie aber ein drittes und irgendwann ein viertes Währungssystem eingeführt, die sich SICAD I und SICAD II nennen. Für ersteres wurde ein Kurs festgelegt, der 12 BsF pro Dollar vorsieht. Zu dem Zeitpunkt war der Schwarzmarktpreis deutlich niedriger, aber es dauerte nicht lange, bis dieser sich auch sehr weit von der SICAD I-Rate entfernte, so dass mit SICAD II ein weiteres System etabliert wurde, welches 50 BsF für einen Dollar vorsieht. Doch während die Preise zum Teil den zwei neu eingeführten Systemen angepasst wurden, verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage in Venezuela dramatisch, wobei dies nicht bloß auf das vorgeworfene Missmanagement der Regierung zurückzuführen ist, sondern auch darauf, dass der Ölpreis durch die Politik von OPEC ein neues Rekord-Tief erreicht hat. Darüber hinaus haben die USA neuerdings beschlossen, Venezuela wegen vermeintlicher Menschenrechtsverletzung zu sanktionieren.


Währenddessen häufen sich die Klagen der Venezolaner, und wer die Möglichkeit dazu hat, der wird zunehmend im immer lukrativer werdenden Schwarzmarktgeschäft tätig. Wegen der prekären Situation in Venezuela und wegen den wenigen internationalen Flügen bleiben Ausländer allerdings eine Rarität. Und somit bleiben auch Dollar eine Rarität. Für die wenigen Ausländer, die nach Venezuela reisen, heißt das, dass sie ihr Geld ganz leicht im Schwarzmarkt vervielfachen können, wenn man auch mit einigen Restriktionen rechnen muss. Auf dem ersten Blick erscheinen Bank- und Kreditkarten in Venezuela plötzlich nur noch ein ästhetisch zurecht geschnittenes und gefärbtes Stück Plastik mit kaum einem Nutzen zu sein, weil selbstverständlich gemäß der offiziellen Rate abgebucht wird, so dass ein McDonald's Menü 40$ kosten würde. Ein Hot Dog auf der Straße würde der offiziellen Rate zur Folge hingegen etwa 5€ kosten, nach dem Schwarzmarktpreis bemessen jedoch lediglich 10 cent (30 BsF).

 

Sehr viele Preise können gar nicht der Rate im Schwarzmarkt angepasst werden. Für den Ausländer würde das nur heißen, dass er nicht mehr sehr wohlhabend ist, sondern nur noch wohlhabend. Für den Venezolaner hätte das hingegen verheerende und fatale Einschränkungen zur Folge, und ihre derzeitige Lage ist bereits so verheerend, dass es immer und immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizisten kommt. Die Lage ist so verheerend, dass die Menschen dort vor einem Supermarkt Schlange stehen müssen, als stünden sie Schlange für ein Konzert. Menschen kämpfen dort um die letzten Rollen Toilettenpapier, als handele es sich um das letzte iPhone. Und für die meisten Venezolaner sind viele Exportprodukte mit Luxusprodukte gleichzusetzen, da sich nur eine Minderheit in Venezuela solche Produkte leisten kann. Der durchschnittliche Venezolaner verdient 6000 BsF im Monat, was nach der Paralelo-Rate gerade einmal 20-30€ entspricht. Es ist daher unmöglich, dass die Preise für venezolanische Produkte oder Dienstleistungen so stark ansteigen können, dass der Ausländer nicht mindestens zehn mal so viel davon hat. 

 

Das Bargeld eines Ausländers ist in Venezuela beinahe wörtlich Gold Wert. Aber wie viel Bargeld kann es ein Ausländer wagen, nach Venezuela mitzunehmen? "Es gibt Menschen, die würden dich für 1000 BsF umbringen", ließ mich eine Ukrainerin aus Valencia wissen. Denn so arm der durchschnittliche Venezolaner für einen Westler mit seinen 30€ im Monat erscheinen mag, im Vergleich zu vielen Einheimischen in den Barrios geht es ihnen finanziell noch gut genug, um von noch ärmeren und verzweifelten Menschen mit einer Waffe bedroht und ausgeraubt zu werden. Es ist demnach auch nicht unbedingt eine vernünftige Idee, viel Bargeld mitzunehmen. Also stellte sich die Frage, ob es andere Möglichkeiten gibt. Die Venezolaner suchen selbst ständig nach einer Lösung, um auf irgendeine Art und Weise an ausländisches Geld heranzukommen. Und die Not macht erfinderisch: Sie begannen, unter Anderem Amazon-Gutscheine als inoffizielle Währung einzuführen. Der Internet-Dollar war am Kommen. Unter einigen ist die Bitcoin-Währung besonders beliebt, weil die Venezolaner für ihren Stromverbrauch, der für das Generieren von Bitcoins ausschlaggebend ist, aufgrund all der staatlichen Subventionen kaum etwas zu zahlen haben. Das Problem besteht für sie aber weiterhin darin, dass sie Ausländer in ihrem Land benötigen, um mit ihnen Geschäfte machen zu können, weil das venezolanische Geld außerhalb Venezuelas gar nichts Wert ist. Es ist aber selbsterklärend, dass man vom Ausland aus nur schwer Geschäfte mir der venezolanischen Währung machen kann und im Fall einer solchen Umsetzung das gesamte wirtschaftliche System schnell zusammenbrechen würde, weil potentiell jeder Ausländer unendlich viel Geld aus dem Ausland generieren könnte. Und dennoch gibt es Möglichkeiten, Geld durch das Paralelo-Geschäft in Venezuela regelmäßig zu vervielfachen, allerdings sind solche Unternehmungen nicht nur etwas aufwendiger, sie schaden der venezolanischen Bevölkerung und stellen zudem einen sehr ernst zu nehmenden Verstoß gegen das Gesetz dar.

 

Ganz anders sieht es mit dem Geldumtausch im Schwarzmarkt aus. Eine Freundin aus Venezuela erzählte mir von einem Russen, der darauf verzichtete, das Geld im Schwarzmarkt umzutauschen, weil er Angst hatte, mit dem Gesetz konfrontiert zu werden. "Kannst du das glauben?", fragte sie mich fassungslos. Ein solcher Umtausch ist in Venezuela technisch gesehen illegal, doch abgesehen von der Tatsache, dass die Regierung mittlerweile selbst in Erwägung zieht, den Schwarzmarkt in Kürze zu legalisieren, gibt es im Hinblick auf strafrechtliche Konsequenzen - sofern man sich dem gesunden Menschenverstand bedient - vielleicht sogar einen kleineren Grund zur Sorge, als wenn man in Deutschland einen Song im Internet herunterlädt. Für die Venezolaner ist es eine Selbstverständlichkeit, dass dieses Gesetz ignoriert wird. Denn zu viele Venezolaner haben keine andere Wahl, als sich Dollars zu beschaffen und diese weiter zu verkaufen, um überleben zu können bzw. ein lebenswertes Leben führen zu können. Würde die venezolanische Regierung in diesem Fall nicht ein Auge zu drücken, dann müsste sie Millionen von Menschen ins Gefängnis stecken, und die derzeitige Lage in Venezuela fühlt sich bereits für sehr viele Einheimische wie ein Gefängnis an. 

 

Während ich bis zu meinem Reiseantritt weiter recherchierte, verfolgte ich die Entwicklungen im Schwarzmarkt mit. Innerhalb von wenigen Monaten hatte sich der Schwarzmarktpreis für einen Dollar mehr als verdoppelt. Für einen Dollar erhielt man mittlerweile bereits 185 BsF. In Venezuela herrschen andere Spielregeln. Die Ausländer werden im Handumdrehen noch viel reicher, als sie es sich ausmalen würden, indem sie die Venezolaner bereichern. Aber alles hat auf die ein oder andere Art und Weise seinen Preis. Denn der Anstieg des Schwarzmarktpreises steht in Korrelation mit dem Anstieg an sozialen Unruhen und Gefahren, die in Venezuela lauern, was im dritten Teil des Venezuela-Berichts genauer erörtert wird. Aber wie sahen die theoretischen Erkenntnisse des "Lechuga Verde"-Phänomens in der Praxis aus? Erste Eindrücke würde ich kurz vor dem Grenzübergang von Kolumbien nach Venezuela erlangen, was im zweiten Teil des Venezuela-Berichts thematisiert wird.




Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Travel Projects

I.    Around the World (2010)

II.   Stairway to Heaven (2011)

III.  Travelution (2012)

IV.  Era of Epicness (2013)

V.   Emergency Exits (2014)

VI.  Venture Capital Plan (2015)

VII. Age of Turbulence (2016)

VIII. Against All Odds (2017)

IX.  Evasive Maneuvers (2018)

 X.  ??? (2019)



Die Taschen waren voll mit Geldbündel. Jetzt musste ich schleunigst nach Merida gelangen, um all die Wertsachen zu sichern. Ankunft in Venezuela.


Ein Jahr ist es her, als die Krim auf eine kontroverse Art und Weise wieder ein Teil Russlands wurde: Eindrücke aus der Halbinsel sechs Monate später.


Was wäre, wenn man von einem Tag auf den anderen plötzlich das zehnfache oder zwanzigfache von seinem Geld besäße? In Venezuela kann sich diese Frage schnell beantworten lassen. Mehr dazu im Artikel Operation 'Lechuga Verde'


Kuriose Gesetze, düstere Legenden und weltbekannte Sehenswürdigkeiten. Ein paar Eindrücke aus London.


IranAnders meets Russia Today (Deutsch). 


Erinnerungen an Palästina im Dezember 2012: Christen und Muslime feiern gemeinsam Weihnachten unter Besatzung.


Standhaft im Fall der Fälle: Impressionen aus Beirut im September 2012, mit einem Blick auf die aktuellen Entwicklungen im Libanon und Umgebung.

 


Kharkiv im Spätsommer 2014:

Der Notstempel


Nach unzähligen typischen Nahost-Diskussionen: Eine fast typische Nahost-Diskussion.