Die Schattenseite Venezuelas

Der Grenzübergang war geschafft. Das Geld war vervielfacht. Alles lief wie geplant. Eine zehnstündige Busfahrt nahm ihr Ende. Es kam zu keinen Zwischenfällen. Keine Entführung, kein Diebstahl, kein bewaffneter Raubüberfall. Vielleicht erscheinen solche Bedenken für diejenigen, die mit der Situation in Venezuela nicht vertraut sind, ein wenig übertrieben. Denn in der Tat wird unsere Wahrnehmung oft durch die mediale Hervorhebung der Gefahren innerhalb eines Landes stark mitbestimmt, wodurch wir das Gefühl nicht loswerden, dass solche Gefahren in den jeweiligen Ländern allgegenwärtig sind.

 

Nur ein wenig Recherche reichte jedoch aus, um zu erkennen, dass die Gefahren in Venezuela bedauerlicherweise durchaus dazu tendieren, allgegenwärtig zu sein. Bereits Monate vor dem Trip, als ich begann, mich näher mit dem Land zu befassen, wurde ersichtlich, dass die Probleme in Venezuela besonders ernst zu nehmen waren. Das Szenario, von bewaffneten 'Malandros' (Gangster) überfallen zu werden, erschien wahrscheinlich genug dafür, dass ich mich für das Worst-Case-Szenario intensiver vorbereitete, als ich es sonst auf meinen Reisen getan hatte.

Gefahren lauern in Venezuela überall, jedoch wohl nirgendwo mehr als in den unzähligen Barrios
Gefahren lauern in Venezuela überall, jedoch wohl nirgendwo mehr als in den unzähligen Barrios

Sicherlich ist Kolumbien, wo ich mich noch zuvor aufgehalten hatte, auch nicht unbedingt das sicherste Pflaster auf Erden, um es milde auszudrücken. Es hat einen Grund, warum "peligroso" eines der ersten Worte war, die ich in dem Land gelernt hatte. Gelegentlich stürmen bewaffnete, maskierte Männer sogar die Hostels, um die Besucher allesamt auszurauben. Aber zumindest verbessert sich Kolumbiens wirtschaftliche Lage, und man trifft weiterhin auf genügend Backpacker. Die Mehrheit unter ihnen, so würde ich vermuten, bleibt von solchen Übergriffen verschont. In Venezuela sind hingegen kaum Touristen anzutreffen, und die außerordentlichen wirtschaftlichen Probleme führen dazu, dass Raubüberfälle für zu viele Einheimische die einzige Einnahmequelle sind.

 

Selbst mehrere Venezolaner, die generell sehr gastfreundlich sind und sich über die heutzutage selten anzutreffenden Ausländer freuen, rieten mir im Vorfeld davon ab, alleine nach Venezuela zu reisen, erst Recht, weil ich kein Spanisch beherrschte und mir vornahm, das Land intensiver und mittels öffentlicher Verkehrsmitteln zu erkunden. Den einzigen Vorteil, den ich wohl hatte, war die Tatsache, dass ich nicht wie ein typischer Gringo (Englisch sprechender Westler) aussehe, was die Aufmerksamkeit der Räuberbanden mir gegenüber reduzieren und ihnen weniger Zeit geben dürfte, aufwendigere Pläne zu schmieden. Darin sind viele von ihnen Spezialisten. Berichten zufolge orchestrieren einige unter ihnen beispielsweise auf eine glaubwürdige Art und Weise Motorradunfälle, nur um diejenigen auszurauben, die ihnen zur Hilfe eilen. 

 

Es ist nicht so, dass ich nicht auch in diversen anderen Ländern auf Einheimische traf, die ein ähnliches Schicksal erlitten oder über ähnliche Ereignisse berichteten. Doch in Venezuela sind solche Fälle nicht die Ausnahme, sie sind sogar gängig, was sich vor dem Trip am leichtesten durch den virtuellen Kontakt mit Einheimischen zu erkennen gab. Es fand sich niemand unter ihnen, der nicht schon einmal ausgeraubt wurde oder nicht nahe Verwandte oder Freunde hatte, die ausgeraubt und schlimmstenfalls ermordet wurden.

 

Beachtet man in Venezuela einige Regeln, können unglückliche Vorfälle vermieden werden. Selbstverständlich sollte man sich von den Barrios fernhalten, da die Mord- und Kriminalitätsrate in diesen Problemzonen am höchsten ist. Doch die aussichtslos erscheinende Situation in Venezuela beschränkt sich keinesfalls nur auf die die auffällig bunten, 'aufgestapelten' Häuser,  die vorwiegend auf den Hügeln von Caracas, Valencia oder Maracaibo liegen. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte sich generell nicht zu lange auf den Straßen aufhalten, besonders nicht in abgelegene Orte. Sehr gefährlich wird es, wenn man sich Nachts auf den Straßen aufhält, aber auch tagsüber sind die Malandros sehr aktiv. 

 

Sollte der Fall eintreffen, dass man mit einer Waffe bedroht wird, kann es sehr leicht tragisch enden, wenn man davon rennt, und die Polizei bleibt vorwiegend machtlos. Es ist eine noch schlechtere Idee, in solchen Momenten Widerstand zu leisten. Daher ist es empfehlenswert, alle Wertsachen im Hotel zu lassen, aber auch wenn sie dort viel sicherer sind, sollte man im Hinterkopf behalten, dass die Wertsachen des Ausländers für die oftmals unterbezahlten Hotelmitarbeiter sehr viel wertvoller sind und viele von ihnen dadurch mit der Verführung konfrontiert werden können, ihr Leben zu verändern. Nichtsdestotrotz sind die Wertsachen in Hotels besser aufgehoben, denn "in Venezuela gibt es Menschen, die bereit sind, dich für 1000 BsF zu töten", wie eine Ukrainerin aus Valencia warnte. Das sind nicht mehr also 5$ im Schwarzmarkt.

 

Auch venezolanische VIPs haben die bedrohliche Lage in Venezuela hervorgehoben. Der in den USA lebende professionelle Baseball-Spieler Miquel Montero besuchte sein Heimatland, um die Nebensaison mit seiner Familie zu verbringen. Bereits nach fünf Tagen hatte er genug und verließ Venezuela wieder. "Ich begab mich lediglich von der Stelle, wo ich versuchte, meinen Reisepass zu erhalten, in das Haus, um anschließend zurück zu gelangen", so Montero. "Man will in sein Land, um sich zu erholen und eine gute Zeit zu haben, und nicht um im Haus eingeschlossen zu sein, weil man Angst hat, raus zu gehen. [...] Es gibt überall auf der Welt Sicherheitsprobleme, aber man schaut sich die Nachrichten über Venezuela an, und mehr Menschen wurden dort ermordet als in Afghanistan."

 

Venezuela hat eines der höchsten Inflationsraten der Welt, und die Regierung war bisher nicht in der Lage, die Menschen aufzuspüren, die die Räuberbanden im Lande bewaffnen. Ein Aufwärtstrend ist weiterhin nicht in Sicht. Doch trotz all der Gefahren in Venezuela ist es bedauerlich, wie derzeit all die außerordentlichen Vorzüge dieses Landes kaum Erwähnung finden. Eine marginale und verzweifelte Gruppe von bewaffneten Räubern hat die meisten Touristen in Zeiten abgeschreckt, in denen die Venezolaner sie am dringendsten brauchen. Mehrmals wurde ich gefragt, ob ich Venezuela als Reiseziel empfehlen würde. Es ist eine sehr schwierige Frage. Wie kann man "nein" sagen, nachdem man so viele einzigartig schöne Momente erlebt und viele nette Menschen kennen gelernt hat, in einem Land mit eines der faszinierendsten Orte, die ich jemals gesehen habe? Als wäre das nicht genug: Wie kann man nicht ein Land empfehlen, wo man aufgrund des boomenden Schwarzmarkts sich selbst bereichern kann, indem man andere bereichert? Andererseits wäre es unverantwortlich, Reisende dazu zu ermutigen, sich in ein Land zu begeben, das die zweithöchste Mordrate der Welt hat, ein Land, wo es für viele Menschen leichter sein kann, an Schusswaffen zu gelangen, als an Toilettenpapier. Es ist aus diesem Grund, warum die obigen Informationen hervorgehoben werden sollten, bevor die traumhaften Seiten Venezuelas präsentiert werden. 

 

Gefahr lauert fast überall in Venezuela. Dabei wird die Hauptstadt Caracas und die Umgebung drum herum als die gefährlichste Region eingestuft. Viele Reisende und Beobachter, darunter die verstorbene Reporter-Legende Peter-Scholl Latour, der jedes Land der Welt bereist hat, betrachten Caracas gar als die "gefährlichste Stadt der Welt". Bevor es jedoch nach Caracas ging, stand eine Stadt an, die zumindest im Vergleich zu Caracas "sicher" ist. Es war Dienstag Nacht in Merida, und das erste Mal, dass ich das Nachtleben in Venezuela erkunden würde.




Ein einheimisches Hip Hop-Video über die Barrios von Petare, in der Nähe von Caracas. Diese Gegend wird von den meisten Venezolanern als der gefährlichste Ort des Landes eingestuft.