Remember, Remember, Silvester in London

Es ist noch immer dunkel. Reglose Körper befinden sich in allen möglichen Ecken dieses Gebäudes. Nein, dies ist kein Kriegsschauplatz und auch nicht die Fortsetzung einer Zombie-Apokalypse. Die Rede ist vom Flughafen London-Stansted, wo unzählige Touristen in unbequemen Positionen schlafen, weil sie sich eine Unterkunft im teuren London nur schwer leisten können. Werbebanner versprechen, dass es künftig bis zu 70% mehr Sitzplätze geben wird. Ein Glück, dass ich ein Zimmer im Voraus gebucht habe, was trotz all der vergangenen Reise-Abenteuer eine neue Erfahrung darstellte. Auch der Verzicht auf fast jegliches Gepäck erwies sich für diesen Kurztrip als sehr entlastend. Der Flieger zurück nach Köln verspätet sich. Es war ein guter Zeitpunkt, um auf den ersten Stop des neuen Reiseprojekts zurückzublicken.

 

Auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt erblicke ich im Morgengrauen eine neblige Szenerie, die an eine typische Horror-Kulisse erinnert. Nicht ohne Grund gehen zahlreiche Geistergeschichten über die verschiedensten Ecken Londons umher. Viele Berichte über metaphysische Erscheinungen finden sich auch zur ältesten U-Bahn der Welt, die ich bei Ankunft in der Liverpool Street nutze. Erst 2013 wurde eine weitere Pestgrube entdeckt, die sich nur wenige Meter unter dieser Station befindet. Seit den ersten Konstruktionsphasen der London Underground stießen Bauarbeiter auf die Überreste von unzähligen Opfern des sogenannten "Schwarzen Todes". Die große Pandemie kostete im 14. Jahrhundert ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung das Leben, was dazu führte, dass viele Millionen der Opfer tief unter dem Boden Londons eingebuddelt wurden. Heute steckt im Untergrund Londons viel mehr Leben als Tod. Die Bahn ist täglich voll bepackt mit Insassen. Heute ist es nicht anders. Die nächste Station wird angesagt. Es wird Zeit, auszusteigen.

 

Neue Länder, Neue Regeln, Neues Jahr

 

Nur wenige hunderte Meter von der Station "King's Cross" befinden sich Freunde von mir aus Deutschland, die Silvester in London zu feiern gedenken. Sie wissen noch nicht, dass ich sehr bald dazu stoßen würde. Doch zunächst geht es in das nahe gelegene Clink Hostel, das im 19. Jahrhundert als ein Gerichtsgebäude diente. Dies gibt sich spätestens im Aufenthaltsraum zu erkennen, wo die ehemalige Funktion des Raumes als Gerichtssaal visuell und auf eine spielerische Art und Weise betont wird. In diesem Hostel hat man auch die Möglichkeit, in eines der ehemaligen Gefängniszellen zu übernachten, deren Authentizität erhalten geblieben ist. Für sparsame Menschen gibt es die Möglichkeit, gegen bestimmte Gesetze zu verstoßen, wenn man unbedingt ein paar Nächte in einer Gefängniszelle verbringen will. Eine Übernachtung auf dem Stansted- Flughafen ist für den Budget-Reisenden aber dann wohl doch die vernünftigere Option. 

 

Mehrere kuriose Gesetze, die in England existieren, können für einige zu enthusiastische Partylöwen und Spaßvögel ohnehin sehr teuer werden. So muss man nach britischem Gesetz hunderte von Pfund dafür zahlen, wenn man bei einem Klingelstreich erwischt wird oder obszöne Lieder auf der Straße singt. Es ist eben nicht die feine englische Art. Auch ist es verboten, auf Eis oder Schnee zu rutschen, was in diesen Tagen, wo das Wetter mit den Menschen in London gnädig ist, weniger besorgniserregend erscheint.

Etwas nervös müssen einige Barkeeper heute an Silvester werden, weil es ihnen gesetzlich untersagt ist, bereits betrunkene Menschen weiter zu bedienen. Vielleicht ist das der Grund, warum in England irgendwann immer mehr betrunkene Menschen nachts auf der Straße landeten und dort anfingen, obszöne Lieder zu singen, bis das schließlich auch verboten wurde. Im Gegensatz zu den Touristen sind die Einheimischen im Falle eines zu hohen Alkoholpegels zumindest den irritierenden Linksverkehr gewohnt.

 

All die strengen Regeln ließen es beinahe abenteuerlich erscheinen, mich mit Hilfe meiner Freunde in ihr bewachtes Hostel "Generator" einzuschmuggeln, um mit ihnen gemeinsam ins neue Jahr zu feiern. Der Aufenthalt in diesen Räumlichkeiten ist eigentlich nur den Touristen vorbehalten, die hier gebucht haben. Es bedurfte jedoch keinem "Ocean's Eleven-Plan", um unser Vorhaben erfolgreich umzusetzen. So fanden wir schließlich zusammen und feierten mit einer internationalen Gruppe von Touristen in das neue Jahr hinein. Die Nacht fühlte sich auch Stunden später jung genug an, um in Richtung Camden High Street zu laufen, wo sich viele Nachtlokale befinden. Auf dem Weg dorthin treffe ich auf zwei Somalier, die mich zum Bar-Viertel begleiten, und mit denen ich mich eine Stunde lang über jenseitige Angelegenheiten unterhalte, bis wir schließlich ankommen und ich den diesseitigen Verführungen unterliege. 

 

Ein neues Jahr begann, und der Abend würde dort fortgesetzt werden, wo das Vorjahr aufhörte. Zurück auf der Camden High Street dauert es nicht lange, bis wir im Rock-Schuppen "Monarch" landen, die mit einer authentischen Alternativ-Szene beeindruckt. Zwei Briten gesellen sich zu uns und scheuen keine Mühe, um mit uns gemeinsam weitere Lokale aufzusuchen. Besonders im "Barfly" herrscht auch einen Tag nach der großen Silvesternacht eine gute Stimmung.

 

Die Wahrzeichen Londons

 

Und wie sieht es mit den Sehenswürdigkeiten aus? Schon am ersten Tag bei der Ankunft in die Innenstadt machten sich zunächst die typischen Merkmale Londons bemerkbar, wie die schwarzen Taxen, die roten Doppeldecker und Telefonzellen (letztere haben mittlerweile lediglich einen dekorativen und kulturellen Wert). Aber erst am letzten Tag beginnt die obligatorische Sightseeing-Tour. Untypisch erschien für London an diesem Tag nur das Wetter, nicht bloß aufgrund der Tatsache, dass keine einzige Schneeflocke fiel, sondern weil es deutlich wärmer war, als erwartet. Nur wenige Tage später wurde in den Medien bestätigt, dass 2015 das wärmste Jahr für London seit mindestens 1910 sein wird. 

 

Die populärsten Sehenswürdigkeiten konzentrieren sich vorwiegend in Westminster. Vor dem Buckingham Palace warten am frühen Vormittag bereits einige auf die täglich stattfindende Wachablösung, die seit über 700 Jahren durchgeführt wird und selbstverständlich nicht nur eine zeremonielle Funktion hat, sondern dem Schutz der Königin von England und ihren Gemächern dient. Die Königin ist heute nicht anwesend, wie die über dem Palast wehende Flagge des Vereinigten Königreichs signalisiert. Diese wird durch die "Royal-Standard"-Flagge ersetzt, wann immer sich die Königin im Palast befindet. Auf der gegenüberliegenden Seite des Themse-Flusses findet sich das "London Eye", welches zum Westminster-Palastes rüber schielt. Letzterer besteht unter Anderem aus dem Elizabeth-Turm, der die berüchtigte Glocke "Big Ben" beherbergt und wohl als das populärste Wahrzeichen Englands gelten kann. Nicht weniger ins Auge sticht die Westminster Abbey, aber weniger wegen den im 17. Jahrhundert erbauten Türmen, als wegen der zweihundert Jahre älteren spätgotischen Kapelle auf der anderen Seite.

 

London Bridge und Tower Bridge

 

Entlang des Themse-Flusses findet sich das ein oder andere Monument, das den gefallenen Soldaten im zweiten Weltkrieg gewidmet ist. Die Brücken, die den Fluss in London beschmücken, erweisen sich wie auch in St. Petersburg und in Budapest als hilfreiche Orientierungspunkte. Eines der unspektakulärsten und unscheinbarsten Brücken, die sich über den Fluss erstreckt, ist von allen Brücken Londons gleichzeitig die geschichtsträchtigste. Heute werden in den Gewölben der London Bridge Touren veranstaltet, welche die Geschichte der Brücke näher bringen. Auch hier wird eine "Grusel-Tour" angeboten. Der aus Stein bestehende Vorgänger der Brücke, dessen Optik vor allem durch seine Bögen bestimmt wurde, ist bis heute zum Teil erhalten geblieben, jedoch befindet sich diese Brücke nicht länger in London, sondern in Lake Havasu City, Arizona. Nachdem sich die Stadt London im 19. Jahrhundert mit dem Problem konfrontiert sah, dass die Brücke für den zunehmenden Verkehr ein Hindernis darstellte, wurde diese Brücke verkauft. Viele gekennzeichnete Steine des Vorgängers wurden Stück für Stück entfernt und in die USA geliefert, bis eine weitgehend authentische Version der damaligen London-Brücke in der Wüstenstadt Arizonas entstand. Die einstige London Bridge ist heute somit die "Lake Havasu-Bridge". In London ersetzte diese Brücke damals einen noch eindrucksvolleren Vorgänger, der 600 Jahre lang das Stadtbild Londons dominierte.

 

Ein langer Spaziergang entlang des Themse-Flusses führt mich zur Tower Bridge. Diese imponiert viel mehr durch ihren optischen statt geschichtlichen Aspekt, wenn sich auch der Prozess des Brückenbaus mit eines der berüchtigsten Mordfälle überschneidet, die im selben Stadtteil namens East End stattfanden. Als hätte dieser Stadtteil durch all die Geistergeschichten rundum dem Tower of London, in dem es zu zahlreichen Enthauptungen, Hinrichtungen und Folter kam, nicht bereits genug Gruseliges an sich, geben die Geschichten der brutalen Serienmorde, die der nie gefasste "Jack the Ripper" während der Bauperiode der Brücke beging, diesem Stadtteil nur einen noch düsteren Touch. 

 

Remember, Remember, the Fifth of November


Es gibt aber in diesem Stadtteil wohl kein Ereignis, das unsere heutige Generation so stark geprägt hat wie die Verschwörung von Guy Fawkes und seinen Verbündeten aus dem frühen 17. Jahrhundert. Wegen der Verfolgung von Anhängern der katholischen Kirch plante Fawkes einen Anschlag auf den Westminster Palast, um Vergeltung auszuüben. Die Verschwörung sickerte bei der damaligen Elite jedoch durch. Erst nach langwieriger Folter nannte Fawkes seine Mitverschwörer. Nachdem sie im Tower of London die Höchststrafe über sich ergehen lassen mussten, war Fawkes an der Reihe. Dieser entzog sich jedoch einem langwierigeren Prozess der Hinrichtung, indem er frühzeitig vom Galgenpodest sprang. Besonders für die Elite war er ein kaltblütiger Sprengstoffattentäter, wohingegen er vom Volk für den Kampf gegen Unterdrückung als Held zelebriert worden sein soll. Heute wird in London jedes Jahr am 5. November die Vereitelung des Attentats gefeiert. Dagegen hat sich in den letzten Jahren die Bewegung "Anonymous", deren Symbol die Maske von Fawkes ist, zu einer bedeutenden politischen Größe entwickelt, die sich mit Cyber-Attacken gegen verschiedene Institutionen bemerkbar gemacht hat. Anonymous ist einerseits eine Bewegung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Zensur, Menschenrechtsverletzungen und Unterdrückung zu bekämpfen, ist andererseits dadurch, dass prinzipiell jeder dahinter stecken kann, ein Werkzeug moderner und virtueller Anarchie, der sich paradoxerweise selbst ihre Gegner bedienen können.

 

Was Anonymous für die heutige Elite in London bedeuten wird, bleibt abzuwarten. Als wichtigstes Finanzzentrum der Welt ist es jedenfalls gerade die Hauptstadt Englands, die durch Cyber-Attacken besonders viel zu verlieren hat. Ob Anonymous irgendwann den modernen Robin Hood spielen wird? Ob sich der Geist von Guy Fawkes, der noch Jahre nach seinem Tod im Tower of London herumgespukt haben soll, irgendwann rächen wird? Die Zukunft wird es zeigen.

Travel Projects

I.    Around the World (2010)

II.   Stairway to Heaven (2011)

III.  Travelution (2012)

IV.  Era of Epicness (2013)

V.   Emergency Exits (2014)

VI.  Venture Capital Plan (2015)

VII. Age of Turbulence (2016)

VIII. Against All Odds (2017)

IX.  Evasive Maneuvers (2018)

 X.  ??? (2019)



Die Taschen waren voll mit Geldbündel. Jetzt musste ich schleunigst nach Merida gelangen, um all die Wertsachen zu sichern. Ankunft in Venezuela.


Ein Jahr ist es her, als die Krim auf eine kontroverse Art und Weise wieder ein Teil Russlands wurde: Eindrücke aus der Halbinsel sechs Monate später.


Was wäre, wenn man von einem Tag auf den anderen plötzlich das zehnfache oder zwanzigfache von seinem Geld besäße? In Venezuela kann sich diese Frage schnell beantworten lassen. Mehr dazu im Artikel Operation 'Lechuga Verde'


Kuriose Gesetze, düstere Legenden und weltbekannte Sehenswürdigkeiten. Ein paar Eindrücke aus London.


IranAnders meets Russia Today (Deutsch). 


Erinnerungen an Palästina im Dezember 2012: Christen und Muslime feiern gemeinsam Weihnachten unter Besatzung.


Standhaft im Fall der Fälle: Impressionen aus Beirut im September 2012, mit einem Blick auf die aktuellen Entwicklungen im Libanon und Umgebung.

 


Kharkiv im Spätsommer 2014:

Der Notstempel


Nach unzähligen typischen Nahost-Diskussionen: Eine fast typische Nahost-Diskussion.