Ankunft in Venezuela

Kurz vor der Landung in Cucuta, Kolumbien
Kurz vor der Landung in Cucuta, Kolumbien

Nach einem einstündigen Flug komme ich in Cucuta an, wo der südamerikanische Held Simon Bolivar einst die Verfassung des Größeren Kolumbiens unterzeichnete und einen großen Teil der lateinamerikanischen Völker von den Kolonialmächten befreite. Unweit von hier befindet sich die heutige kolumbianisch-venezolanische Grenze. Es dauert nicht lange, bis ich all die Wechselstuben erblicke, wo das Geld illegal, aber hemmungslos umgetauscht wird. Den aktuellen Kurs habe ich im Kopf, während ich Dutzende Wechselstuben aufsuche, um vergeblich auf bessere Raten zu stoßen. Nur ein Mann war bereit, den von mir vorgeschlagenen Preis anzunehmen. Ich lehne ab, nachdem ich erahne, dass er mir die alten venezolanischen Geldscheine andrehen will, die 2008 durch neue ersetzt wurden. Schließlich sehe ich ein, dass ich mich auf weniger Geld einlassen muss als ich idealerweise erwartet habe. "Nur" 25 mal so viel statt 30 mal so viel Geld würde ich machen. Daraufhin beschließe ich, einen deutlich kleineren Betrag zu wechseln als ursprünglich geplant. Bessere Raten finden sich bestimmt weiter östlich. Als ich die Bolivares Fuertes erhalte, merke ich auch, wie irrsinnig es gewesen wäre, noch mehr Geld umzutauschen. Mit gefüllten Seitentaschen voller Geldbündel überquere ich die Brücke.

 

Die kleine Grenzstadt San Antonio del Tráchira, die ich nach dem Grenzübergang erreiche, ist von einer typisch lateinamerikanischen Landschaft umgeben. Ein Soldat hält mich an und fordert mich dazu auf, meine Laptop-Tasche zu öffnen. Er untersucht jedes kleine Detail und stellt mir diverse Fragen, die ich versuche, mit meinem schlechten Spanisch und Zeichensprache zu beantworten. Aus meinen Hosentaschen hole ich mein Portemonaie und weitere Objekte heraus. Während er weiter inspiziert, öffne ich bereits die Seitentaschen meiner Hose. In der rechten Seitentasche befindet sich das im Schwarzmarkt umgetauschte Geld. Der Soldat wird mir wahrscheinlich zu verstehen geben, dass ich dafür eingebuchtet werden kann und einen Teil des Geldes für sich beanspruchen. Viel mehr Sorge bereitet mir aber etwas Anderes. Als ich in die linke Seitentasche greife, fühle ich den Reisepass einer kolumbianischen Frau, die ich nicht einmal kenne. Das habe ich ganz vergessen. Als ich eines Nachts in den Straßen von La Candelaria in Bogota herumlief, sah ich irgendwann plötzlich dutzende Reisepässe mitten auf der Straße liegen. Voller Neugier hob ich eines der Pässe auf und beschloss, ihn einzustecken, um ihn später genauer unter die Lupe zu nehmen. Alles was ich wusste war, dass der abgelaufene Reisepass einer Frau gehörte, die fast 30 Jahre alt war und sich zwischenzeitlich in New York aufhielt. Was es mit den Reisepässen auf der Straße auf sich hatte und was mit dieser Frau geschehen ist, fand ich nie heraus. Wie soll ich mit den wenigen spanischen Worten, die ich letzte Woche in Kolumbien gelernt habe, diese Geschichte dem Soldaten schildern? Als ich kurz davor bin, meine Seitentaschen zu leeren, gibt mir der Soldat ein Zeichen, dass ich passieren darf. 

An der kolumbianisch-venezolanischen Grenze
An der kolumbianisch-venezolanischen Grenze

Nach zwei oder drei Kilometern Fußweg erreiche ich den Busbahnhof der Grenzstadt. Bevor ich nach Merida gelangen kann, muss ich einen Bus nach San Cristobal nehmen. Kurz nach der Abfahrt kontrolliert ein weiterer Soldat alle Businsassen. Irgendwann kommt er ganz hinten an und schaut mich und meinen deutschen Reisepass etwas misstrauisch an. Er fragt mich, warum ich in Venezuela bin. "Tourismus", entgegne ich ihm. "Warum hast du dann kein Gepäck mit dir?", will er daraufhin wissen, und ich gebe ihm zu verstehen, dass ich mein Gepäck in Bogota gelassen habe. Das klingt plausibel genug für ihn. Weiterhin misstrauisch und ernsthaft blickend gibt er mir meinen Reisepass zurück. Drei Stunden später erreiche ich San Cristobal. Auch hier will ich keine Zeit verlieren und möglichst schnell versuchen, nach Merida zu gelangen, um ein Hotel aufzusuchen und all meine Wertsachen abzulegen. Es wäre ein Desaster, vorher ausgeraubt zu werden. 

 

Vor dem Bus nach Merida stehend verlangt der Fahrer 200 BsF. Eigentlich habe ich erwartet, wie beim Bus zuvor während der Fahrt zu zahlen. Mit etwas Unbehagen greife ich in meine Seitentaschen, während ich mir kurz die Menschenmenge um mich herum betrachte. In meiner Tasche befinden sich keine losen Scheine mehr, sondern nur noch Geldbündel. Es wäre nicht klug, diese mitten auf der Straße auszupacken. Bemüht versuche ich, die Scheine vom Gummiband loszulösen, ohne den Geldbündel rauszuholen. Dabei reißen die zwei Scheine, die ich dem Fahrer anschließend in die Hand drücke. Der Busfahrer schaut mich überrascht an und sagt, dass er das Geld nicht annehmen kann. Ihm scheint mein Verlust mehr weh getan zu haben als mir selbst, weil ich so eben nach der offiziellen Rate 30€ verloren habe, in Wirklichkeit aber nur 1€. Schlecht schauspielernd tue ich so, als hätte es sich für mich bei den gerissenen Scheinen um einen bedauerlichen finanziellen Verlust gehandelt und gebe ihm anschließend - vielleicht etwas zu desinteressiert - zwei weitere Hunderter-Scheine.

 

Wie erwartet kosten die Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln so gut wie gar nichts, denn Venezuela hat nicht nur die größten Ölreserven der Welt und es liegt auch nicht nur daran, dass der Ölpreis aufgrund der OPEC-Politik auf einen Rekord-Tief liegt, sondern weil es unmöglich ist, die Preise der öffentlichen Verkehrsmittel dem Schwarzmarktpreis oder dem Währungssystem SICAD II (50 BsF pro Dollar statt 6,43 BsF pro Dollar) anzupassen, weil die meisten Einheimischen somit in ihrer Stadt gefangen wären und keine Chance hätten, von A nach B zu gelangen. Aus diesem Grund nahm ich mir auch vor, in Venezuela sehr viel mit dem Bus unterwegs zu sein. Eine ganze Woche ununterbrochen mit dem Bus in Venezuela zu fahren kostet weniger als eine fünfstündige Fahrt mit der S-Bahn in Deutschland. Ein Inlandsflug in Venezuela kostet nur halb so viel wie eine zweistündige Fahrt mit dem ICE in Deutschland. Aber weil die die Wartezeit am Flughafen länger sein kann als manche Busfahrten und ich mehr vom Land sehen will, werde ich wohl überwiegend mit dem Bus fahren. 


Sieben Stunden vergehen bis ich in Merida an komme, wo ich mir ohne zu zögern ein Taxi schnappe. Zehn Minuten später erreiche ich das Hotel, und meine Wertsachen waren nun endlich mehr oder weniger gesichert. In meinem Zimmer zähle ich noch einmal all die vielen Geldscheine. Alles ging so schnell, und nun stellte ich mir diese merkwürdige Frage: Bin ich jetzt reich? Während ich in den Spiegel schaue, denke ich darüber nach, was ich als nächstes mache. Und ich schlussfolgere, dass es noch nicht zu spät ist, um das Nachtleben in Merida zu erkunden.