"Welcome to Egypt"

Im Flugzeug taten es sich die polnischen Stewardessen schwer, mit der ägyptischen Mentalität klar zu kommen. All dieses hin und her zwischen Freizügigkeit und Vollverschleierung verwirrte mich. Ich schlief nur wenig im Flughafen, so dass mir das Einschlafen selbst in unbequemer Position im Flugzeug nicht schwer fiel. Drei Stunden später landeten wir. Die Taxifahrer lauern mir schnell hinter her. Einer gibt sich besonders viel Mühe, mich als Kunden zu gewinnen und äußerte sehr erfreut einen Satz, den ich während meinem Aufenthalt am häufigsten hören würde: "You look like an Egyptian!".

 

Der Taxifahrer hieß Mohammed. Der zweite Einheimische, den ich in Kairo kennen lernte hieß Ahmed, der dritte hieß Ahmed und der vierte hieß Mohammed. Kreativität wird hier in anderen Ebenen ausgelebt. Die Namensgebung reflektiert hingegen, wie sehr die Menschen in dieser Region an die Offenbarungen Gottes festhalten. Aber das ist nicht nur hier der Fall. Mohammed ist der am häufigsten vergebene Vorname der Welt.

 

"Und Wie heißt du?", fragt er mich. "Shahab", was auf arabisch 'Komet' bzw. 'Meteorit' heißt. Der ägyptische Taxifahrer gibt sich entsprechend erfreut. Ein wenig zu erfreut: "Mein Sohn heißt auch Shahab!", versuchte er mich zu überzeugen und äußerte daraufhin den Satz, den ich am zweit häufigsten hören würde. "Welcome to Egypt!". 

 

Der Taxifahrer ladet viel zu hilfsbereit mein Gepäck aus, als dass er dafür nicht gleich etwas verlangen würde. Er begleitet mich hoch und fragt mich wie erwartet nach einer Extragebühr, die angeblich für den Service ansteht. Die Euphorie nach der Ankunft in Kairo war noch groß genug, um ihm sogar etwas mehr Geld zu geben. "Wir sind mitten in der Fastenzeit", erklärte ich ihm. "Da sollte man erst recht spendabel sein und vor allem nicht andere Menschen abzocken". Ein schlechtes Gewissen ließ dieser Herr sich nicht einreden. Stattdessen fragte er nach einer weiteren Extragebühr. "Welcome to Egypt".

 

Monate zuvor verfolgte ich sehr nachdenklich die Entwicklungen des sogenannten "Arabischen Frühlings". Hosni Al-Mubarak war gefallen und nun gedachte ich, mich unter einem Volk zu mischen, dessen Zukunft sehr ungewiss war. Der Gipfel der Eskalationen in Kairo war vor Monaten erreicht. Am Tahrir Platz angekommen stelle ich fest, dass nur noch wenige Zelte aufgebaut sind. Das Narrativ, indem von einer Gegensätzlichkeit zwischen Demokratie und Islam ausgegangen wird, war wie auch vor 22 Jahren in Iran nicht anwendbar. Nie hatte ich verstanden, warum ganze Bücher zum Anliegen geschrieben wurden, ob die Demokratie mit dem Islam vereinbar ist oder nicht, wenn diese Frage in einem Satz zusammenzufassen ist: Wenn die Mehrheit eines Volkes demokratisch für die Gottessouveränität stimmt, ist es konsistent, andernfalls braucht man nichts zu beschönigen. Wenn ein Volk mehrheitlich gegen Gottessouveränität ist, so ist das mit dem Islam nicht vereinbar.

 

Eine Reihe von jungen Menschen sitzt vor dem Hotel und starrt mich staunend und fassungslos an. Sie fragen mich was ich hier draußen mache und wo ich hingehe. Die letzte Stunde der Nacht hatte geschlagen und sie erklärten mir mit Händen und Füßen, dass Schlägerbanden es auf mich absehen könnten, sollte ich weiter gehen. Ich gab ihnen zu verstehen, dass ich mir nur noch etwas zu Essen besorgen will. Der junge Ahmed bestand darauf, mich zu begleiten und erwies sich als aufrichtig hilfsbereit.  


Es ist schade, dass einige Reisende die meiste Zeit abgeschottet von Einheimischen an Stränden wie in Sharm el-Scheich verbringen und nur die Ägypter kennenlernen, die nicht repräsentativ sind. Sie lernen die vielen gierigen Taxifahrer kennen, die Tourguides, die sich immer und immer wieder als Abzockereien zu erkennen geben. Wer sich eine längere Weile unter die Menschen gemischt hat, wird schnell verstehen, wie vorsorglich viele Ägypter sind. Die jungen Ägypter empfingen mich und andere Reisende, mit denen ich gemeinsam etwas unternahm, sehr gastfreundlich und mit einem wohl erzogenen Verhalten. In diversen islamischn Ländern fiel mir diese Besonderheit bereits auf. Selbst auf den Straßen strahlten sie eine auffällig bescheidene Zurückhaltung aus, und heißen den Reisenden auf eine Art und Weise willkommen, als wären wir gerade als Gäste in ihrer persönlichen Wohnung eingetreten. "Welcome to Egypt".




Travel Projects

I.    Around the World (2010)                                                           

II.   Stairway to Heaven (2011)

III.  Travelution (2012)

IV.  Era of Epicness (2013)

V.   Emergency Exits (2014)

VI.  The Slippery Path of Uncertainty (2015)

VII. Age of Turbulence (2016)

VIII. Against All Odds (2017)

IX.  Evasive Maneuvers (2018)

 X.  Home is Everywhere (2019)

XI. ??? (2020)