Weihnachten unter Besatzung

Als wir die Grenze überquerten, erblickten wir einige Einheimische, die bereits Stunden vor der Ankunft des palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas warteten. Heute an Weihnachten würde er die Einwohner Bethlehems besuchen. In der Zwischenzeit nutzten viele Familien die internationale Medienpräsenz, um die Aufmerksamkeit auf ihre Belange zu lenken. Kinder, Frauen und Männer stehen auf den Straßen und halten Plakate, die eine Botschaft in verschiedenen Sprachen vermittelt. Ausgerechnet zur Weihnachtszeit habe die UNRWA beschlossen, zahlreiche Mitarbeiter zu entlassen. Sie würde ihren Pflichten gegenüber den Palästinensern nicht nachkommen, ließ man die Neuankömmlinge wissen, bevor diese sich in eines der heiligsten Orte des Christentums begaben.


Drei Kilometer von der Grenze entfernt findet sich die Geburtskirche, die als eines der wenigen noch erhaltenen Kirchen aus der frühchristlichen Zeit gilt. Zuvor befand sich hier die Höhle, in der Jesus Christus durch die Jungfrau Maria zur Welt gekommen sein soll. Auf Anordnung Konstantins I., dessen Name über tausend Jahre das heutige Istanbul bezeichnete, wurde diese Kirche im 4. Jahrhundert zu Ehren der heiligen Geburt errichtet. Im Hauptsaal sticht insbesondere Konstantins lange verschollenes und im letzten Jahrhundert wieder entdecktes Bodenmosaik heraus.

 

Die Geburtsstelle von Jesus Christus ist durch einen Stern gekennzeichnet, über dem ein Altar steht. Seine 14 Zacken sollen die 14 Geschlechter im Stammbaum Jesu darstellen. Die ursprüngliche Bedeutung des Sterns von Bethlehem ist einigen Forschern zufolge auf eine Himmelserscheinung während der Geburt des Christkinds zurückzuführen. Der Stern an der Geburtsstelle steht aber auch als ein Paradebeispiel dafür, welch geschichtsträchtige Bedeutung sich ein bloßes Symbol aneignen kann: Das Entfernen dieses Sterns durch orthodoxe Gegner würde im 19. Jahrhundert die Spannungen zwischen dem Russischen Reich und Frankreich intensivieren. Das Russische Reich vertrat die griechisch-orthodoxen Interessen, wohingegen Frankreich für die Katholiken in der Region einstand. Die Wiedereinführung des Sterns durch Frankreichs Verbündeten Sultan Abdülcemid I. gilt heute als Auslöser des Krimkrieges, da der russische Zar infolgedessen Anspruch auf ein Protektorat für alle Christen im heiligen Land erhob und somit auf eine Schirmherrschaft in Palästina pochte. Der Krimkrieg, welcher gleichzeitig den ersten Stellungskrieg in der Geschichte darstellte, ging zu Gunsten der Alliierten aus, und somit blieb auch der Stern erhalten.

 

Auf der gegenüberliegenden Seite der Kirche steht die Omar-Moschee, die nach dem ersten der vier Kalifen (Rashidun) benannt wurde. Der Nachfolger Mohammeds reiste 637 nach Bethlehem und erließ ein Gesetz, der die Sicherheit der Christen und ihrer Heiligtümer garantierte. Vier Jahre nach dem Tod des islamischen Propheten Mohammed soll Omar an dieser Stelle gebetet haben, wo erst im 19. Jahrhundert durch Spenden der griechisch-orthodoxen Kirche die Moschee erbaut werden würde. Mit einer Freundin machten wir aus, dass wir uns bei Abenddämmerung, also zur Gebetszeit 'Maghrib', vor dieser Moschee treffen. In der Zwischenzeit sammelten wir Eindrücke der Festivitäten.

 

Mitten im Manger-Platz, der die Omar-Moschee von der Geburtskirche trennt, steht ein riesiger Weihnachtsbaum. Unweit davon wird eine Parade von jungen Damen und Kindern abgehalten. Ein Blick nach oben. Auf einem Gebäude hängt ein großes Werbeplakat der UNRWA für wohltätige Zwecke, bebildert mit einem Mädchen, welches die Solidarität Bethlehems mit Gaza und Syrien ausdrückt. An den tragischen Entwicklungen in beiden Orten würde dieser Spendenaufruf leider nichts ändern können. Ein Blick weiter nach oben: Bewaffnete Menschen stehen auf den Dächern. Die israelischen Soldaten sind auf all den Gebäuden positioniert, von denen wir umgeben sind, ein Bild, das zeitweise von der außerordentlichen Harmonie zwischen den hier lebenden Christen und Muslimen ablenkte. Das jahrhundertelange Zusammenleben lässt diese Harmonie wie eine Selbstverständlichkeit erscheinen. Wiedergespiegelt wurde diese Harmonie heute während dem Sonnenuntergang vor allem durch den unbeabsichtigten "Remix" bestehend aus christlichem Chorgesang auf der aufgestellten Bühne einerseits, und Azhan-Rufe aus der Omar-Moschee andererseits. Die aus der Moschee ertönende Stimme signalisierte uns zudem, dass unsere Freundin vor der Moschee auf uns wartet. Nach der Gebetszeit tauschten wir uns über unsere Eindrücke aus. Mittlerweile war es so dunkel, dass man die Soldaten auf den Dächern gar nicht mehr sah.

So nah und doch so weit

Unweit von Bethlehem befindet sich das Flüchtlingslager Aida, auf dessen Eingangstor ein riesiger Stahlschlüssel positioniert ist. Er soll der größte Schlüssel der Welt sein. Inspiriert wurde dessen Herstellung durch die Geschichte der Palästinenser, die ihre Schlüssel nach der Vertreibung mitnahmen und behielten, in der Hoffnung, eines Tages zurück zu kehren. Zeitweise befand sich dieser Schlüssel im Rahmen einer Initiative in Deutschland, wo noch zwanzig Jahre zuvor ebenfalls für den Fall einer Mauer gekämpft wurde.

 

Ein erinnerungsreiches Weihnachtsfest fand langsam sein Ende. Zu jeder Zeit ging ein uns lieb gewonnener Palästinenser sicher, dass wir uns wohl fühlten. Nun war es an der Zeit, zurück zu fahren. "Wohin geht ihr als nächstes?", fragt unser einheimischer Freund. "Nach Jerusalem", lässt ihn unsere dazu gestoßene Freundin wissen. Hier müssten sich unsere Wege trennen. Herzlichst lächelnd verabschiedet er sich. In seinen Augen gibt sich sowohl Freude für uns als auch Trauer für sich selbst zu erkennen. Eine bedrückende Ironie, dass Menschen aus allen möglichen Ecken seine Heimat betreten können, er selbst aber nicht.


Projekt - Travelution

Kapitel - X

Phase  - 5