Die Grün-Gelbe Flagge

Hisbollah-Plakat in Beirut
Hisbollah-Plakat in Beirut

Der Ladenbesitzer sucht einen Stift und ein Stück Papier. In der Zwischenzeit bemerke ich eine grün-gelbe, umgewickelte Flagge in einem Regal hinter ihm stehen. Es veranlasste mich dazu, ein wenig nachzuhaken.


"Wie ist die Situation im Süden? Ich habe gehört, dass es ziemlich gefährlich sein soll."

 

"Wer erzählt denn, dass es gefährlich ist?", fragt er mich mit einem Lächeln, das Verwunderung ausdrückt.

 

"Du kannst ohne Sorgen in den Süden fahren", versichert er mir. Die Flagge gehört wohl ihm.

 

Themawechsel. Ein viel sensibleres Thema.

 

"Wie steht es um Sabra und Shatila? Ich hatte überlegt, dorthin zu fahren".

 

Er ist der erste Einheimische, dem ich begegne, aber nicht der letzte, der mich warnen würde:

 

"Sei vorsichtig, wenn du da wirklich hin willst".

 

Die Skizze ist fertig. Er überreicht mir den Zettel und erklärt noch einmal, wie ich zum nächsten Bankautomaten gelange.

 

"Hier, das ist für dich". Großzügigerweise drückt er mir 2000 Pfund in die Hand, damit ich mir vorher etwas zu Essen kaufen kann. Nachdem ich mein Gepäck ablege, begebe ich mich in die Innenstadt

'Gespenstische Krieger'

Kleiner Kinder spielen mit Feuerwerk
Kleiner Kinder spielen mit Feuerwerk

Kleine Kinder spielen unter der Aufsicht von amüsierten Soldaten mit Feuerwerks-körpern. Gefallene Märtyrer werden mit Plakaten auf den Straßen geehrt. Und man muss sich nicht lange umsehen, um auf die Kriegsnarben der Stadt zu stoßen. Das letzte Mal, als ich so viele Einschusslöcher sah, war in Sarajevo. Doch die Atmosphäre in Beirut ist anders. Während man in Bosnien versucht, mit dem vergangenen Krieg abzuschließen, hat man im Libanon scheinbar das Gefühl, dass es noch lange nicht vorbei ist. Darüber täuscht auch das für den Nahen Osten ungewöhnlich lebendige Nachtleben in Beirut nicht hinweg. Abseits der Al-Hamra Straße spürt man geradezu eine kollektive Wachsamkeit, was nicht verwundert. Der Krieg gegen Israel liegt nicht lange zurück. Es wird befürchtet, dass sich die israelische Regierung mit der Niederlage von 2006 nicht zufrieden geben wird. Und wenn mehr bevorsteht, dann wäre es nicht verwunderlich, wenn viele dieser Menschen ihr Schicksal niemandem eher überlassen, als jener Gruppe, für welche die grün-gelbe Flagge steht, nicht bloß wegen ihren Spenden an die Armen, sondern weil sie 2006 bewiesen haben, dass sie die Fähigkeit besitzen, das libanesische Volk im Ernstfall zu schützen.

 

Hisbollah - In den Augen ihrer Unterstützer sind sie die Geister, die von der Besatzungsmacht ins Leben gerufen wurden. 'Geister' könnte kaum zutreffender sein: In einem Interview erklärte ein israelischer Soldat, der im Krieg 2006 involviert war, dass er das Gefühl hatte, sie würden gegen 'Geister' kämpfen. Diese Deutungen gab es nicht nur im übertragenen Sinne. Bis heute gehen Geschichten umher, wonach metaphysische Kräfte im Spiel waren. Nicht ohne Grund werden die Kämpfer der Hisbollah auch als "Ninjas" bezeichnet, die man in Angriffsphasen nie zu Gesicht bekommt, als wären sie unsichtbar, wie ein vor Ort gewesener UN-Offizier einst beschrieb.

Standhaft im Fall der Fälle

Die Statue am Märtyrer-Platz in Beirut: Ein Symbol der Standhaftigkeit
Die Statue am Märtyrer-Platz in Beirut: Ein Symbol der Standhaftigkeit

Die fortgeschrittensten Technologien hatten im Krieg gegen den Libanon 2006 versagt. Ironischerweise nahm der Libanon die Rolle des "Davids" im Kampf gegen "Goliath" ein. Hassan Nasrallah, der Führer der 'Partei Gottes', erklärte Julian Assange diesbezüglich in einem Interview, wie die Einfachheit die Komplexität besiegen kann, ein Anliegen, das dem stark bewachten Whistleblower insbesondere im Hinblick auf Verschlüsselung und Entschlüsselung von Nachrichten interessierte. Kein Computeranalytiker könnte etwas damit anfangen, wenn ein Dorfjunge im Libanon vom "Vater des Huhns" spricht, erklärte der Führer der Hezbollah in einem Beispiel. Die fortgeschrittensten Technologien könnten demnach gegen lokal gebundene Idiomatisierungen nichts anrichten.

 

Das Geheimnis einer solchen Stärke ist wohl aber vor allem auf die Überzeugung eines wünschenswerteren Jenseits zurückzuführen. Für viele Libanesen verkörpert die eiserne Stärke der Hisbollah das, was die Statue auf dem Märtyrerplatz in Beirut symbolisiert. Trotz der zahlreichen Einschusslöcher aus den Bürgerkriegszeiten steht sie triumphierend und in siegreicher Haltung da. Dadurch, dass die Körper angeschossen wurden und noch immer stehen, wird die Gewissheit des Sieges umso mehr ausgestrahlt. Es verleiht der Statue einen bildhaften Ausdruck der Unzerstörbarkeit, als könnten ihre Gegner das gesamte Umfeld verwüsten, doch niemals ihre Standhaftigkeit, für die sie sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinne steht. Paradoxerweise wird eine solche Standhaftigkeit in Augen der Gottesfürchtigen nirgendwo mehr unter Beweis gestellt, als beim Fall im Kampf, wenn man die Unsterblichkeit im Märtyrertum für Gott und die Mitmenschen findet, ein Ideal für den schlimmsten Fall, dem Fall der Fälle, was im Einklang mit den Worten Ruhollah Khomeneis steht, der einst gesagt haben soll: "Du kannst ein Volk nicht besiegen, wenn es den Tod als das Tor zum Paradies erachtet."

Bildquelle: http://fc03.deviantart.net/fs33/f/2008/294/5/8/hizbulla_by_70hassan07.jpg
Bildquelle: http://fc03.deviantart.net/fs33/f/2008/294/5/8/hizbulla_by_70hassan07.jpg

Wenn der Terror an der Haustür Klopft

Eines der vielen beschossenen Häuser in Beirut
Eines der vielen beschossenen Häuser in Beirut

Weniger als ein Jahr verging nach dem Aufenthalt in Beirut, bis der Krieg dem libanesischen Volk wieder bedrohlich nahe kommen würde, als extremistische Kräfte im Bürgerkrieg in Syrien zunehmend an Einfluss gewannen und es mehrfach zu Anschlägen im Libanon kam. Während der militärische Einsatz der Hisbollah in Syrien von westlichen Politikern scharf verurteilt wurde, sah eine deutliche Mehrheit des libanesischen Volkes diesen Einsatz als gerechtfertigt.

 

Im Westen, weit entfernt von der akuten Gefahr, die von Extremisten nahe der syrisch-libanesischen Grenze ausging, wurde von Führungskräften beschlossen, die Hisbollah-Miliz auf die EU-Terrorliste zu setzen, weil sie im Jahr zuvor in einem Anschlag in Bulgarien gegen israelische Touristen verwickelt gewesen sein soll, ein von Israel erhobener Vorwurf, von dem sich jedoch auch die neu gewählte bulgarische Regierung distanzierte. Weil diese Vorwürfe erst in Zeiten "herausgekramt" wurden, in denen die Hisbollah mit den syrischen Kräften - konträr zu den Prognosen der BND - große Erfolge gegen die Bekämpfung der Al-Nusra Front und anderen extremistischen Kräften verbuchen konnte, wurde die Maßnahme der EU von der "Achse des Widerstands" als politisches Druckmittel gegen die Hisbollah verstanden.

 

Der Reputation Hisbollahs wurde durch diverse Vorwürfe international noch mehr Schaden zugefügt. Kritiker sehen in den wiederholten Vorwürfen eine Propaganda-Kampagne und beklagen, dass ständig von Beweisen die Rede sei, jedoch nie Beweise vorgelegt werden. Aber auch unter dem libanesischen Volk büßte Hisbollah an Popularität ein, wohl auch aufgrund der Unterstützung des alawitischen Präsidenten Assad in Damaskus, die in der gegebenen Konstellation unter den Sunniten, die wie die Schiiten im Libanon etwas mehr als ein Viertel der Bevölkerung ausmachen, schnell als konfessionell motiviert betrachet werden kann (Die Alawiten sind der schiitischen Konfession zuzuordnen). Im Hinblick auf Hisbollahs Terror-Image im Westen stoßen im Libanon jedoch nicht nur ihre Anhänger auf Unverständnis: "Weißt du, ich mag Hisbollah nicht", machte ein etwas älterer Einheimischer in Beirut deutlich, als ich ihn nach seiner Haltung befragte. "Aber im Krieg waren ihre Ziele militärische Basen. Israel bombardierte Schulen, Moscheen, Krankenhäuser und den Beiruter Flughafen. Wer also ist der Terrorist?", fragte er und verdeutlichte, dass Israel unter der libanesischen Bevölkerung immer unbeliebter gewesen ist als es die Hisbollah je war, die vor der Invasion Israels 2006 sogar von 70% und nach der Invasion von mehr als 80% der Bevölkerung unterstützt wurde. Es erklärt sich von selbst, dass Israel unter dem libanesischem Volk nicht bloß unbeliebt ist, sondern bis heute als die größte Bedrohung gesehen wird.

Libanons Bewährungsprobe

Ein Tribut an gefallene Märtyrer
Ein Tribut an gefallene Märtyrer

Es würde jedoch nicht lange dauern, bis eine weitere Bedrohung in der Region auftauchen würde, von der man auf dem ersten Blick meinen könnte, dass sie eine viel größere Bedrohung für Israel darstelle als für Hisbollah. Es kam anders. Als einige Monate nach den Kämpfen an der syrisch-libanesischen Grenze der selbsternannte "Islamische Staat" mit der extremsten salafistischen Auslegung zum Vorschein trat und nicht nur Teile Syriens, sondern auch Iraks eroberte, dabei bekennend Menschen jeglicher Konfession aus ihrer Heimat vertrieb bzw. ermordete, ausländische Kräfte rekrutierte und Jesiden versklavte, gab sich zu erkennen, dass ohne den militärischen Eingriff der Hisbollah an der syrisch-libanesischen Grenze IS heute auch den Libanon unsicher machen würde, wie Shayan Arkian von Irananders dem Compact-Magazin erklärte.

 

Einerseits kann die multikonfessionelle Beschaffenheit der libanesischen Bevölkerung unter den gegebenen Entwicklungen in der Region die Sorge bereiten, dass im Libanon durch die fortwährende Schürung konfessioneller Konflikte ein besonderes Konfliktpotenzial unter den jeweiligen Glaubensanhängern herrscht. Andererseits wird die Kohäsion des Volkes gerade durch die lange Koexistenz verschiedener Konfessionen, sowie durch die damit einhergehenden Kenntnisse über andere Konfessionen gefördert. Vor allem aber eint das Volk ein kollektives Trauma nicht lange vergangener Kriege. Nach dem Auftreten der neuesten Bedrohung, die im Westen als "Islamischer Staat" und in der islamischen Welt als "Daesh" bekannt ist, werden die Menschen im Libanon auf eine weitere schwere Probe gestellt.


Projekt - Travelution

Kapitel - 9

Phase  - 1


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