Stufe 7 - Die Schickalswende

Es ist zehn Uhr Nachts. Der Teufel ist noch immer nicht angekettet. Sechs Stunden verbleiben. Und ich sitze in einer Bar in Sofia. Ursprünglich war es vorgesehen, am ersten Tag des heiligen Monats in Istanbul anzukommen. Doch wegen des engen Zeitplans befinde ich mich noch in der Hauptstadt Bulgariens. Heute Nacht, bevor die Fastentage beginnen, sollte ich wirklich endlich anfangen, mich zurückzuhalten. Obwohl ich es bereue, dass mein Aufenthalt in Sofia so kurz ist, bin ich gleichzeitig froh, dass schon bald der Übergang vom Okzident in den Orient ansteht, denn wenn ein junger westlicher Tourist es anstrebt, im heiligen Monat Ramadan zu fasten, kann es eher unangenehm sein, wenn sein Reiseziel für ein exzessives Nachtleben bekannt ist, besonders wenn dem Touristen ein solches Nachtleben nicht fremd ist.

 

Obwohl das Fasten keine Pflicht für Reisende ist, fühlt sich vor allem das diesjährige Vorhaben ohne die Einhaltung der Regeln des Fastenmonats unvollständig an. Aber natürlich ist das nicht immer leicht für jemanden, der einen ganz anderen Lifestyle hegt, und der nicht unbedingt als fromm gilt, um es milde auszudrücken. Ab morgen geht die Herausforderung erst so richtig los. Aber wie sieht es heute aus? Ich habe nur diese eine Nacht in Sofia. Wer weiß, ob ich jemals wieder dazu komme, das Nachtleben Bulgariens zu erleben? Es ist meine letzte Chance, in dieser Reise das leichtere Leben zu leben, an das ich mich über all die Jahre so stark gewöhnt habe, denn sogar nach Ramadan werde ich voraussichtlich in einem Land sein, wo gewisse Dinge verboten sind. Also könnte ich doch heute Nacht ein wenig locker machen. "Nur ein Bier".

 

Man muss nicht die bulgarische Seherin Baba Wanga sein, um zu erahnen, dass nach einem Bier ein zweites folgte, und ein Cocktail, und noch ein Bier, und noch ein Cocktail, nicht wegen den Leuten, die einen gerne zum Trinken überreden, als wären sie Missionare, sondern schlicht und einfach weil ich mich danach gefühlt habe, "noch einen letzten Drink" zu mir zu nehmen. Wie schnell die Zeit vergeht, denke ich mir Stunden später, als ich bemerke wie spät es ist. Die Sonne ist aufgegangen. Und nun, während ich auf den Straßen Sofias herumstolpere, leuchtet mir ein, dass ich auf die schändlichste Art und Weise in Ramadan  "reingefeiert" habe. Ich Idiot! Es war vorgesehen, alle 29 Tage zu fasten, und bereits der erste Tag ist in einem Desaster ausgeartet.

 

Wie konnte ich nicht vorhersehen, dass das geschehen würde? Jemand verpasse mir bitte eine Schelle, und einen Schlag, und noch eine Schelle, und noch einen Schlag, nicht im Namen jener Individuen, die gerne ihre Lebensweise anderen aufzwingen und sich wie besessen auf die Fehler anderer fixieren, sondern wegen meines persönlichen Versagens, das zu erreichen, was ich für niemanden sonst angestrebt habe, als für mich selbst. Wie konnte das so miserabel schiefgehen, nachdem es die letzten zwei Jahre während Ramadan so wunderbar funktioniert hat und selbst die Verführungen des hedonistischen Nachtlebens in Amsterdam nichts daran änderten, während meine Freunde tranken als gäbe es kein Morgen? Zu sagen, dass ich auf einer Stufe auf dem "Stairway to Heaven" ausgerutscht bin, klingt wie eine Untertreibung. Es fühlt sich mehr so an, als wäre ich auf einem ganz anderen Pfad.

Am nächsten Morgen erreiche ich die Grenze zur Türkei. Die Sonne geht auf, das Essen ist in meinem Magen, und der zweite Tag des Monats Ramadan beginnt. Kein Essen, Trinken oder Rauchen bis die Sonne wieder untergegangen ist. Und kein Alkohol mehr für eine lange lange Zeit. Nachdem ich Stunden später in Istanbul ankomme, hilft mir ein älterer türkischer Einheimischer selbstlos, nach Sultan Ahmed zu gelangen, wo ich letztes Jahr während der Weltreise die eindrucksvolle blaue Moschee und die nicht weniger legendäre Hagia Sophia erstmals sah. Der türkische Mann besteht darauf, mein Gepäck zu tragen, ohne irgendetwas dafür zu verlangen.

 

Etwa zwölf Stunden später wird es immer voller auf den Straßen von Sultan Ahmed. Die Sonne geht bald unter. Der Geruch von Mais ist in der Luft. Wassermelonen werden geschnitten. Nahe der Obelisk von Theodosius I. wurde ein Markt aufgestellt, an deren Ständen sich Schlangen bilden. Und wie die Einheimischen antizipiere ich Iftar, auch wenn nur wenig Motivation übrig ist, nachdem ich den ersten Fastentag so ruiniert habe. Weiterhin fühle ich mich wie ein "west-östlicher Niemand". Wie kann ich nur Gott erklären, dass das bloß ein Ausrutscher war? Das kann ich nicht. Es war mein Fehler. Das Mindeste, was ich nun tun kann, ist mich umso mehr auf Ramadan zu fokussieren. Vergangenes kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Es ist Zeit, nach vorne zu blicken. Und vor mir erblicke ich ein leckeres Fleischgericht. 

  

Nach einem erlösenden Abendessen laufe ich rüber zu einer Bühne, wo anscheinend eine lokale Band gleich anfangen wird, Lieder zu spielen und Allah zu gedenken. Eine Leinwand mit der Aufschrift "Fatih'te Ramazan" (die Eröffnung Ramadans) ist aufgestellt. Ikonographisch ergänzt wird die Schrift mit kleinen Sternchen und der Mondsichel, die als Symbol des Islams gesehen wird. Insbesondere in Bezug auf das Gebet und das Fasten hat die Mondsichel im Islam eine wichtige Bedeutung. Gemäß dem Koran beginnen die Fastentage, nachdem die Mondsichel gesichtet wurde. Und das führt mich zu einer erlösenden Schlussfolgerung. Möglicherweise hat sich die Gesamtsituation verändert bzw. wird sie sich noch verändern. Obwohl die Vergangenheit nicht rückgängig gemacht werden kann, könnte es noch immer möglich sein, mein Ziel zu erreichen, die vorgesehenen 29 Tage zu fasten.

 

Die Mondsichel wurde nicht überall zur selben Zeit gesichtet. Daher spiele ich in meinem Kopf alle möglichen Szenarien ab, die mir zunächst unmöglich erschienen. Falls zum Beispiel die Mondsichel in Sofia vorgestern gesichtet wurde, und in der Türkei erst gestern, dann würde das heißen, dass ich am ersten Tag von Ramadan gefastet habe, obwohl ich am ersten Tag von Ramadan nicht gefastet habe. Es würde heißen, dass heute wieder der erste Tag von Ramadan 2011 ist, als hätte jemand auf eine Reset-Taste gedrückt und Ramadan neugestartet. Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass der Mond in dieser Region am selben Tag gesichtet wurde, was mich zur Erkenntnis bringt, dass es nur einen Weg gibt, um sicher zu gehen, dass ich die vorgesehenen 29 Tage fasten kann. Dafür muss ich wie geplant weiter in Richtung Osten reisen, da die Mondsichel spätestens in Pakistan einen Tag später gesichtet wurde. Eine eigenartige Situation. Fast wie eine Zeitreise, oder als würde ich eine Parallelwelt betreten. Als würde Allah mir eine zweite Chance geben und mich vom "Highway to Hell" zurück auf den "Stairway to Heaven" umleiten.