Die Nachfahren des Propheten Mohammad in Qom

Es ist der neunte Fastentag und die dritte Woche der Reise. Im Bus stellt wieder einmal ein Einheimischer die außerordentliche Gastfreundschaft der Iraner unter Beweis und versorgt mich mit Proviant. Als nächstes steht eine Stadt an, die international durch Ayatollah Ruhollah Khomenei bekannt wurde, der in der ortsansässigen Theologie-Hochschule Feyzieh studierte. Aber die Ankunft in Qom würde sich ein wenig hinausverzögern. Auch nach vier Stunden Fahrt sind wir nicht angekommen. Die Sonne geht langsam unter.


Es wird an der Zeit, etwas zu Essen und zu trinken, aber in der Station, wo wir ankommen, sieht es nicht danach aus, als fände sich in der unmittelbaren Umgebung ein geöffnetes Geschäft. Ein Schild gibt mir Auskunft darüber, wo ich überhaupt bin: "Arak", die Stadt, die in den westlichen Medien durch den Schwerwasserreaktor bekannt geworden ist. Politiker aus dem Westen, die oftmals als "internationale Gemeinschaft" bezeichnet wurden, verdächtigen Iran, hier eine Plutoniumbombe herstellen zu wollen, weil theoretisch die Möglichkeit besteht, durch die Urananreicherung Plutonium zu gewinnen. Abweichungen des zivilen Vorhabens, nuklearmedizinische Radioisotopen für kranke Menschen herzustellen, fand man jedoch nie.  


Weit und breit findet sich niemand, den ich ansprechen könnte, um mich nach einem Bus zu erkundigen, der mich nach Qom bringt, bis ich die zwei Verkehrsbeamten bemerke, die in einem kleinen Gebäude sitzen. Trotz der Sprachbarriere können wir uns mehr oder weniger verständigen. Anscheinend bin ich zu weit gefahren und hätte zwischendurch aussteigen müssen. Nun muss ich auf einen Bus nach Qom warten. Als sie merken, dass ich gefastet habe und nach einem Ort zum Essen suche, lassen sie alles um sich liegen, vergessen ihre Arbeit für einen Moment und sehen ihre einzige Aufgabe und Pflicht darin, mich mit Essen und Getränke zu versorgen. Bevor der nächste Bus mich nach Qom führt, drückt mir einer von ihnen noch ein Persisch-Englisch Wörterbuch in die Hand.


Spät nachts komme ich in einem Hotel an, wo man schnell merkt, dass die Erfahrung mit Touristen fehlt. In der Nähe des Hotels liegt eine ansehnliche Moschee, wo ich mich kurz aufhalte und Fotos schieße, bevor ich mich auf den nächsten Tag vorbereite.


Die Heiligen Stätten von Qom


Da es keine Prüfungen gibt und keine Noten, entscheiden rhetorische Fähigkeiten und religiöses Wissen über Aufstieg und Status der Mullahs.

„Das Studium in Qom umfaßt drei Stufen“, erklärt Mohsen Kadivar, ein Student der höchsten Stufe. „Die erste Stufe heißt muqaddamat, Vorbereitung, und dauert gewöhnlich fünf bis sechs Jahre. In dieser Zeit lernen wir Arabisch, die Sprache der koranischen Offenbarung, und Rhetorik. In der zweiten Stufe, suth genannt, Oberfläche, befassen wir uns mit klassischen Texten, mit Philosophie und islamischem Recht. Das dauert ungefähr fünf Jahre. Dann kommt die höchste Stufe: charidj, Draußen. Wir interpretieren den Koran und die religiösen Überlieferungen. Bücher werden kaum noch zu Rate gezogen, wir müssen eigene Urteile fällen. Wir dürfen Talar und Turban tragen und haben das Recht, Texte oder Ansichten großer Gelehrter zu kritisieren. Die Dauer dieser Stufe ist unbegrenzt.“


Es liegt im Ermessen des Lehrmeisters, seinen Studenten nach eingehender Beobachtung die Erlaubnis zu erteilen, als Mudjtahid zu wirken – ein Privileg, das mindestens fünfzehn Jahre Studium erfordert. Ein Mudjtahid, ein „selbständig Forschender“, ist der ranghöchste Interpret schiitischer Lehre. Er gilt als moralische Instanz und entscheidet, wie sich die Gläubigen im Lichte islamischer Traditionen und Gebote zu verhalten haben. Er macht Politik, indem er sich zu gesellschaftlichen Fragen äußert; er wirkt als Jurist, insbesondere im Ehe-, Familien- und Erbrecht; er ist anerkannter Schiedsrichter bei Streitigkeiten; er bestimmt, welche Musik, welche Getränke, welche Bekleidung religiös erlaubt sind und welche nicht.

Der erste Ehrentitel, den ein Mudjtahid erwerben kann, lautet Hojatoleslam, „Beweis des Islams“. Der iranische Präsident Rafsandjani beispielsweise trägt diesen Titel. Die nächste Stufe ist Ajatollah, „Zeichen Gottes“, und eine ganz kleine Zahl von Theologen schafft es bis zum Großajatollah, genannt „Vorbild der Nachahmung“. In Qom gibt es etwa 600 Mudjtahids und sechs bis zehn „Vorbilder“. Das jüngste Vorbild ist gerade achtzig geworden.



In Europa haben wir beispielsweise einerseits die Meinungsfreiheit, andererseits äußert jeder seine Meinung, in Iran verdient man sich dieses Recht. 

Pressefreiheit ein großes Problem. Während es hierbei große Einschränkungen gibt, winkt der Presserat im Westen alles durch.


Noch einige Stunden waren übrig, bis ich wieder essen und trinken durfte. Dehydriert und mit schweren Beinen laufe ich auf einem großen Platz herum. Besonders der Durst nahm mir jegliche Kraft, da ich dieses heiße und trockene Klima nicht gewohnt bin. Ich sehe einen Wasserhahn. Ein Drittel des Fastenmonats habe ich schon geschafft. Auf keinen Fall werde ich daraus trinken! Stattdessen gieße ich das pure Wasser über meine Haut. Durch den ungewohnten Entzug im heißen Wetter fühle ich das Wasser, das meine Poren durchdringt, viel itensiver. Schließlich schaue ich mich genauer um in diesem Ort, das für die Schiiten einer der heiligsten Orte ist: Die Jamkaran Moschee.


Legenden zufolge soll der verborgene Imam al-Mahdi, der  nach islamischen Glauben - ähnlich wie der Maitreya im Buddhismus - zurückkehren und die Welt reformieren wird, und die mystische Figure Al-Chidr an einem Brunnen dieser Moschee einem Sheikh Hassan Ibn Muthlih Jamkarani erschienen sein. Nach schiitischem Glauben befindet sich Imam Al-Mahdi seit über 1000 Jahren in Okkultation. Einig sind sich die meisten Muslime (Ausnahmen bilden etwa die Ahmadiyya, die glauben, dass Imam Al-Mahdi bereits auftauchte) darin, dass Imam Al-Mahdi zurückkehren und Seite an Seite mit Jesus Christus kämpfen wird, auf den die frommen Christen ebenfalls warten. 


Bereits zu Beginn meines Aufenthalts in Iran, als ich in Teheran ankam, wo die Reformer den größeren Rückhalt der Einwohner genossen, traf ich auf Anhänger Ahmadinedschads, doch daher, dass der fromme Populist Millionen von Dollar an die Jamkaran-Moschee gespendet hat und besonders in dieser Stadt die Frömmigkeit groß geschrieben wird, ist seine Anhängerschaft auch hier, wie auch in den ländlichen Gebieten Irans, besonders groß.


Der heilige Schrein von Fatima Al-Masuma, eine Nachfahrin des Propheten Mohammad, die Tochter des siebten Imams und Schwester des achten Imams gemäß dem Schiitentum, dessen Schrein in Masshad zu finden ist. Nach dem Schrein des achten Imams gehört der Schrein von Fatima Al-Masuma die heiligste Stätte in Iran. Kaum jemand läuft hier vorbei, ohne kurz stehen zu bleiben und ein Bittgebet zu sprechen, ähnlich wie ich es Jahre später in Skopje und auch in anderen christlich geprägten Städten erleben würde. Recht schell merkt man, dass man sich in der fast größten Hochburg schiitischer Theologie befindet. Bevor die Sonne untergeht, halte ich mich überwiegend im Schatten auf.

Nun stellte ich mir eine Frage: Wie komme ich wieder zurück ins Hotel? Dummerweise habe ich die Adresse des Hotels nicht aufgeschrieben. Niemand versteht hier Englisch, und die kurze Zeit reichte nicht aus, um mir genügend Persisch-Kenntnisse durch das Buch anzueignen, das mir einer der Zollbeamten geschenkt hat. Schließlich steige ich in ein Taxi ein, in der Hoffnung, dass der Taxifahrer mich irgendwo hinfährt, wo ich eine bessere Orientierung habe. Der Fahrer will offensichtlich wissen wo ich hin will. Wie kann ich es ihm am besten erklären? Gegenüber des Hotels befindet sich eine Moschee. Aber mit meiner Beschreibung einer "Masjid" kann der Fahrer natürlich nicht viel anfangen in einer Stadt wie Qom, wo sich zahlreiche Moscheen befinden. Dann erinnere ich mich an das leicht verschwommene Foto, das ich die Nacht zuvor schoss. Ich weiß nicht wie ich wieder zurückgefunden hätte ohne dieses Foto.



Travel Projects

I.    Around the World (2010)                                                           

II.   Stairway to Heaven (2011)

III.  Travelution (2012)

IV.  Era of Epicness (2013)

V.   Emergency Exits (2014)

VI.  The Slippery Path of Uncertainty (2015)

VII. Age of Turbulence (2016)

VIII. Against All Odds (2017)

IX.  Evasive Maneuvers (2018)

 X.  Home is Everywhere (2019)

XI. ??? (2020)