Zu Beginn des Trips war ich trotz viel Kritik innerhalb der Familie sehr entschlossen, nach Pakistan zu gelangen, ohne einen einzigen Flug zu nehmen. Die Sorge meiner Familie betraf die Überquerung der iranisch-pakistanischen Grenze, wo es oftmals zu Terroranschlägen von radikalen Separatisten aus Balutschistan kommt. Sehr halbherzig suchte ich in Isfahan nach Reisebüros, die günstige Flüge nach Pakistan anbieten. 

 

Nun musste ich mich aber endgültig entscheiden. Die Zwanzig-stündige Fahrt findet ihr Ende. Wir kommen kurz vor Morgenaufbruch in Zahedan an. Nach dem Gebet bot mir Abdullah an, direkt ein Taxi nach Mirjaveh zu nehmen, um von dort aus die Grenze zu überqueren. Sollte ich auf eigene Faust um diese Uhrzeit ohne jegliche Sprachkenntnisse versuchen, zum Flughafen in Zahedan zu gelangen in der Hoffnung, dass es überhaupt einen Flug nach Pakistan gibt, den ich mir leisten kann? Oder sollte ich mit Abdullah zur Grenze gelangen und dann einen Bus nach Quetta nehmen, um von dort aus nach Rawalpindi zu gelangen? Als er mich vor die Wahl stellte, zögerte ich einen Augeblick und dachte über die Warnungen meiner Verwandten nach. Ich freute mich über die Tatsache, dass die Flüge viel zu teuer waren. In den iranischen und pakistanischen Nachrichten liest man zu häufig über die Pilger, die mit dem Bus von Pakistan nach Iran fahren oder gerade von Iran zurückkehren, und wie diese der terroristischen Jundollah-Organisation zum Opfer fallen.

Schließlich traf ich die Entscheidung: Ich bin nicht von Frankfurt bis nach Zahedan Überland gereist, nur um jetzt so nahe am Ziel einen Flug zu nehmen. Abdullah und ich nehmen ein Taxi.

 

Bei Ankunft in Mirjaveh war die Sonne bereits aufgegangen. So schnell alles in den letzten zwei Stunden ging, so langsam geschah alles in den nächsten Stunden. Sehr lange mussten wir warten bis das Ticketcenter überhaupt aufmacht. Als das Ticketcenter aufmachte, bildeten wir eine lange Schlange, nur um weitere Stunden zu warten. In dieser Zeit betrachteten einige neugierige Pakistaner meinen Koffer. Einer fasste meinen Koffer so an, als wolle er den Herstellungsprozess besser verstehen.

 

 

Als ich endlich die Grenze überquere, treffe ich auf die Levies, die paramilitärischen Einheiten in Balutschistan. Sie erklären mir im Prinzip genau das, was mir meine Familie gesagt hat: Erst vor kurzem gab es wieder einen Anschlag. Natürlich war es für die Soldaten auch eine Gelegenheit, um Geld zu verdienen. Sie boten mir an, einen Levies-Soldaten als Leibwächter auf dem Weg bis nach Quetta zu haben. Ob dieser Soldat, der ein Militär vertritt, das selbst von Aufständischen heimgesucht wird, gegen Terroristengruppen wie Jundollah oder Lashkar-E-Janghvi helfen könnte, war stark zu bezweifeln. Aber zumindest hatte er ein Gewehr und es handelte sich, wenn ich mich Recht erinnere, lediglich um 2000 oder 3000 Rupien (10-15€).


Sie führten mich in einen Aufenthaltsraum. Wann immer ich raus ging, schauten mich die Balutschen sehr neugirig an, nachdem ich mit einem Soldaten als "Bodyguard" ankam. Im Bus war die Aufmerksamkeit nur noch stärker. Der Soldat stand vor mir mit seinem Gewehr. Mir wurde zuvor ein Sitzplatz zugewiesen, bei dem ich ganz hinten und von dem Soldaten weit entfernt saß. Der Soldat beschwerte sich beim Busfahrer, bis ich schließlich einen "VIP-Sitzplatz" bekam.

 

Irgendwann kommen wir an einen Zwischenposten an. Ich musste bei jedem Zwischenposten ausnahmslos rausgehen, weil ich den roten deutschen Pass habe, und auf mich somit ein besonderes Augenmerk gelegt wird. Der Levies Soldat geht kurz raus und sagt einem Businsassen, dass er mal kurz sein Gewehr halten soll. Dieser betrachtet sich die Waffe neugierig an. Wirklich sicher fühlte ich mich in dem Moment nicht, auch wenn es sich bei den meisten Businsassen um sehr freundliche Zeitgenossen handelte.

 

Als es dunkel geworden ist und wir in Taftan ankommen, fragt mich mein Schutzsoldat, ob er nun umkehren könne, da er noch etwas zu erledigen hat.

Es beunruhigte mich, dass selbst mein eigener Schutzsoldat sich scheinbar nicht traute, die Strecke von Taftan bis nach Quetta durchzufahren. Andererseits, was sollte jetzt noch passieren? Wir würden zwischen Taftan und Quetta sicherlich nicht mehr Rast machen und einfach durchfahren.

 


 

Die Fahrt war mit wohl eines der interessantesten: Der Schutzpolizist an meiner Seite gab mir nur mehr Aufmerksamkeit, doch die Leute im Bus gingen sehr freundlich mit mir um und waren froh jemanden zu haben, mit dem sie über seine fremde Kultur und deren eigenen Kultur schwätzen können. Zu Beginn der Abenddämmerung erhellte der Bus in rotem Licht während traditionelle pakistanische Musik lief, es war schön graduell immer mehr von einem authentisch pakistanischem Feeling umgeben zu sein. Im Bus lernte ich nette Menschen wie Abdullah und den witzigen Schiiten Kerim kennen.

 

Ein weiterer Polizeicheck folgt und ich muss immer wieder aussteigen und meinen Reisepass zeigen. Der Polizist an der Stelle hofft, dass ich nicht sauer bin wegen des Stresses mit dem Sitzplatz, auch der Schutzpolizist entschuldigte sich dafür. Die Pakistaner hier scheinen schnell ein schlechtes Gewissen zu bekommen wenn sie das Gefühl haben, dass sich ein Tourist nicht wohl fühlt. Der Polizist begleitete mich im Bus weiter bis nach Taftan, der gefährlichste Teil der Route. Von hier aus dürfte ich aber sicher sein, da der Bus danach lediglich bis nach Quetta durchfahren wird.

 

Im Bus wurde ich gefragt wieso Deutschland im Afghanistan Einsatz mitgemacht hat. Ich erklärte zunächst, dass Deutschland nicht im Einsatz gegen Irak mitgemacht hatte und das 9/11-Trauma, das durch die Welt ging wohl zu der Entscheidung beigetragen hatte. Gleichzeitig sprach ich mit ihnen über das, was immer mehr Kritiker behaupten: Deutschland sei eine Geisel gewisser Institutionen und Regierungen, es werde politischer Druck auf ihnen ausgeübt und wenn sie nicht kooperieren, so werden sie durch die Medien schnell stigmatisiert und erinnern sich zurück an ihr Schicksal als sie sich gegen diese Institutionen und Regierungen stellten.

 

Die Leute im Bus fragten mich ob ich Moslem sei und ob ich Shia oder Sunni bin. Ich erklärte ihnen, dass Shia und Sunni ein Schisma ist, von dem ich nicht viel halte. Ich interessiere mich für beide Ansichten, doch bleibe dabei zu sagen, dass ich einfach ein Moslem bin. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es unangenehm hätte werden können hätte ich Shia oder Sunni gesagt. Doch die Antwort die ich gab schien die beste gewesen zu sein in Hinsicht auf die Reaktion der Menschen im Bus. Ich wurde auch gefragt was ich von Mahmoud Ahmadinedschad halte und wie erwartet nahmen die Leute im Bus es positiv auf, dass ich ihn in vielerlei Hinsicht verteidige und dass sein Inhalt für mich mehr Sinn ergibt als von jeden anderen Politiker.

 

Wir sprachen selbstverständlich auch über Pakistans Präsidenten Asif Zardari. Jeden Menschen, den ich in meinem Trip in Pakistan fragte, was er oder sie von Asif Zardari halte, gab die selbe Antwort und sie fiel negativ aus. Auch fingen wir an über Hitler zu sprechen und ich befürchtete das, was nun kommen sollte: Kerim sprach mit mir über Hitler und ich fragte ihn: Was hältst du von Hitler? Mit einem sehr bescheidenen und freundlichen Lächeln erzählte er mir, dass er ein Fan von Hitler sei. Für Menschen aus dem Westen muss es erscheinen als wäre Kerim ein sehr böser Mensch und seine Freundlichkeit ist nur eine Maskerade. Ähnlich negativ denken viele Moslems in Pakistan wenn ich ihnen davon erzähle wie freundlich und nett einige Atheisten in Deutschland sind. In vielen Erfahrungsberichten, die publiziert werden, scheint man dieses Thema zu meiden. Gerade in Deutschland reagiert man sehr empfindlich darauf.

 

Zwischen Taftan und Quetta passierte dann das, was nicht hätte passieren sollen: Wir haben eine Panne mitten in der Nacht auf einer verlassenen Einöde. Der Wind weht stark und der Mond scheint sehr hell.

 

Alle gehen raus und setzen sich auf den Boden. Nun haben wir viel Zeit um über unsere kulturellen Unterschiede zu quatschen. Wir sprachen über Islam in Deutschland und ich erklärte ihnen, dass es viele Vorurtile gäbe, doch genauso viel Toleranz. Die meisten hätten Angst oder schauen sehr suspekt nicht nur auf die islamische Gemeinde, sondern auf den Islam selbst, insbesondere seit 9/11. Man fragt mich was für einen Glauben die Menschen in Deutschland haben und ich erwidere, dass viele Menschen und immer mehr Menschen in Deutschland nicht an Gott glauben. Es herrscht plötzlich Stille und der konservativ erscheinende Balutsche Raze, von dem ich am ehesten erwartet habe, dass er unangenehm werden könnte, sagt plötzlich: „You know what?! …. I like you! You are honest!“. Einige Stunden später konnten wir endlich weiter fahren und am nächsten Tag kommen wir in Quetta an.

 

 

 

Abdullah geht sicher, dass ich mit meinem Gepäck in einem Riksha bin und schreibt mir die Adresse eines Hotels auf, das er mir empfholen hatte. Quetta hätte ich gerne noch etwas genauer unter die Lupe genommen, allerdings hatte ich versprochen mich nicht lange dort aufzuhalten und als Punjabi dort sehr achtsam zu sein. Ich ging also zum Bus Terminal, allerdings waren alle Plätze belegt, so dass ich mir wieder ein neues Hotel gesucht habe und anschließend vergebens nach einem Internet Cafe suchte, da sich einige Menschen sicherlich fragen wo ich gerade bin und ich habe seit Tagen niemanden mehr kontaktieren können. Am nächsten morgen wurde ich unbequem aufgeweckt: Schon wieder ein Offizier, der mich nach meinem Reisepass fragte und mir viele fragen gestellt hat. Ich muss den Offizieren hier anscheinend extrem suspekt sein. Es war allerdings gut, dass er mich aus dem Schlaf gerissen hatte, da ich beinahe den nächsten Bus verpasst habe. Ich beantwortete schnell seine Fragen, packte meine Sachen und schnappte mir schleunigst einen Riksha zur Busstation. Auf dem Weg dorthin schaut mich ein kleines Kind neugierig und erfreut an. Es winkt mir zu und ich winke lächelnd zurück. Es sind diese kleinen Momente, die vor allem unvergesslich bleiben. In Hinsicht auf Gefahren sah ich nicht wirklich einen Grund mich zu beeilen, doch natürlich war meine Vorfreude auf meine Familie in Pakistan sehr groß. Ich hatte Glück, denn gerade noch so bekam ich den letzten Platz im Bus.

 

Die erste Hälfte von Ramadan ist vorbei und ich habe nun meine Familie in Pakistan beinahe erreicht. Eine letzte Busfahrt trennt mich von diesem großen Wiedersehen. Ich habe Halsschmerzen, vermutlich wegen des Temperaturwechsels und den schlechten Zigaretten. Ich bin sehr angeschlagen und müde, nachdem ich so viele Kilometer gereist bin und so viel bereits hinter mir habe. Zwischendurch schlafe ich immer mal wieder ein und wache auf. Samir aus Quetta bietet mit während Iftar etwas zu trinken an. Nach etwa sechs Stunden kommen wir aus Balutschistan raus und ich erlebe mein Heimatland, erblicke die Armut als auch die Schönheit aus dem Fenster. Es kommt mir alles wie ein Traum vor, vor allem weil ich öfters im Halbschlaf bin und noch nicht registriert habe, dass ich von Deutschland ohne einen Flug zu nehmen in Pakistan angekommen bin. Die Euphorie wird noch viel größer als ich lange wartend plötzlich bemerke, dass wir endlich in Islamabad angekommen sind. Nach einer Weile, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, erreiche ich die Busstation und nehme ein Taxi. Die Adresse meiner Familie habe ich im Kopf und es nicht lange, bis ich das Haus finde. Ich habe kein Kleingeld, nur einen 1000 Rupien-Schein und die 500 Rupien, die der Taxifahrer von mir verlangt hat, sind schon zu viel. Doch ich gebe ihm einfach den großen Schein und kann es nicht mehr abwarten meine Verwandten zu treffen. Meine Tante empfängt mich und nach und nach weckt sie meine Cousins und Cousinen auf, um sie zu überraschen.



Moslem fragt warum Deutschland nix tut wegen krieg, geisel von amerikanischeFahrt durch Pak.

 

Travel Projects

I.    Around the World (2010)                                                           

II.   Stairway to Heaven (2011)

III.  Travelution (2012)

IV.  Era of Epicness (2013)

V.   Emergency Exits (2014)

VI.  The Slippery Path of Uncertainty (2015)

VII. Age of Turbulence (2016)

VIII. Against All Odds (2017)

IX.  Evasive Maneuvers (2018)

 X.  Home is Everywhere (2019)

XI. ??? (2020)