Rückkehr nach Sarajevo

Auf dem Weg zurück nach Sarajevo

Am Frankfurter Bahnhof nehme ich den ersten der zahlreichen Busse, die mich am Ende in die Islamische Republik Pakistan führen sollten. Nachdem wir deutsche Städte wie Mannheim und Karlsruhe hinter uns lassen, machen wir eine kleine Pause in Österreich, wo ich mich ein Jahr später aufhalten würde, um erstmals zu testen, ob ich vom Ausland aus arbeiten kann. Danach erreichen wir die Region, die das letzte Ziel der Weltreise im Vorjahr darstellte: Das ehemalige Jugoslawien. Auf dem Weg zum ersten Ziel betrachte ich mir die Landschaften Sloweniens, jenem Teil des ehemaligen Jugoslawiens, der sich vor dem Kriegsausbruch als erstes für unabhängig erklärte. Daraufhin folgte die Sezession Kroatiens, wo wir auch nochmal eine Pause einlegen. Der Aufenthalt in Zagreb letztes Jahr war viel zu kurz, und als letztes Ziel der Weltreise blieb nicht mehr viel Energie übrig. Vielleicht bietet sich irgendwann die Gelegenheit für einen zweiten Aufenthalt. Dieses Jahr würde die Reise aber in Bosnen und Herzegowina beginnen.

 

Der Busfahrer hält noch ein letztes Mal an, bevor wir am Ziel ankommen. Wir befinden uns in einer Stadt, die ich mir schon sehr bald näher anschauen würde. Vom Bahnhof in Visoko bietet sich bereits eine Aussicht auf den pyramidenförmigen Hügel, bei dem es sich laut lokalen Archäologen und internationalen Freiwilligen tatsächlich um eine echte Pyramide handeln soll. Eine gewagte These. Ein Einheimischer zeigt auf den Hügel und erklärt mir, dass es sich hierbei um die "Sunca Pyramida" (Sonnenpyramide) handelt. "Znam, citao u internetu", "Ich weiß, ich habe im Internet darüber gelesen", antworte ich und werfe noch einen letzten Blick auf den Hügel, bevor wir wieder in den Bus einsteigen.

 

Nur noch 27 Kilometer bin ich von der "ersten Stufe" dieses Reiseprojekts entfernt. Letztes Jahr noch trank ich dort einen symbolischen Schluck Wasser aus dem Sebilj-Brunnen. Nun galt es für die Rückkehr einen überraschenden Stau zu überwinden. Nach etwa einer Stunde löst dieser sich auf. Am Bahnhof angekommen teile ich mir mit zwei Einheimischen ein Taxi, um in der Altstadt Bascarsija, oder Carsija, wie die Einheimischen es nennen, anzukommen. Bei Ankunft werfe ich einen flüchtigen Blick auf die abgebrannte Nationalbibliothek Vijecnica, die weiterhin restauriert wird. Dieses Mal würde ich vieles auf eigene Faust erkunden, da Indira derzeit verhindert ist. Schnell zeigt sich, dass diese Reise sich stark von der Weltreise unterscheiden würde. 

Nach 26 Stunden war ich angekommen. Wie gewohnt habe ich nichts im Voraus gebucht und mir stattdessen zwei Alternative Übernachtungsmöglichkeiten notiert. Zunächst begebe ich mich in dasselbe Hostel, wo ich mich letztes Jahr aufhielt. Dort werde ich entsprechend mit Freude empfangen. Doch merkwürdigerweise ist alles ausgebucht. Der Stau hätte mir das nahe legen sollen. Die Familie versucht für mich weitere nahe gelegene Hostels zu finden, doch auch die sind alle voll. Wieso ist der Touristenandrang in Sarajevo plötzlich so hoch? Und dann muss es auch noch stark regnen, obwohl wir Ende Juli haben. Die Familie findet für mich ein "Notbett" im Hostel, so dass ich mir für den heutigen Tag keine Gedanken machen muss.

 

Statt große Spaziergänge auf den Hügeln zu unternehmen, genieße ich diesmal eine wundervolle Aussicht vom Avaz Twist Tower, dem fast höchsten Gebäude in Südosteuropa. Die Azhan-Rufe in diesem abendländischen Umfeld und der slawisch osmanische Misch-Masch, die multikonfessionelle Beschaffenheit lassen Sarajevo sowohl für Menschen aus dem Westen, als auch aus dem Osten exotisch genug und gleichzeitig bekannt genug erscheinen. Welch Potenzial hat dieser Ort für Menschen aus dem Orient und aus dem Okzident, um sich der anderen Kultur anzunähern, sich vestehen zu lernen, oder wie einfach im Koran beschrieben: Einander kennenzulernen. Sarajevo erscheint mir wie die kulturelle Brücke. 

Terror in Oslo

"Kill TV - Live Free", steht an einer Wand in der Nähe von Carsija mit Graffitischrit geschrieben.

Nahe der Kathedrale Srca Isusova bleibe ich vor einem Gebäude stehen und werde an die tragischen Ereignisse erinnert, die seit drei Tagen die Schlagzeilen dominieren. Es wurde eines der größten Terroranschläge auf europäischem Boden verübt. Vor der norwegischen Botschaft wurden einige Kränze platziert, um den 77 Opfern des Anschlages zu Gedenken. Der Täter Anders Breivik, ein zionistischer Freimaurer, der ein Jahr später in seinem Manifest all seine anti-islamischen Gedanken unter Verweis auf Scharlatane wie Walid Schoebat teilen würde, hatte in seinen eine besondere Leidenschaft dafür entwickelt, die bosniakischen und albanischen Muslime als "boshaftig" zu betiteln. 


Seine Opfer, vorwiegend Jugendliche, die der Jugendpartei AUF angehörten, hatten eine rosige Zukunft vor sich, machten sich kurz vor dem Anschlag erfolgreich für einen Boykott gegen Israel stark und setzten einen Antrag auf die norwegische Anerkennung Palästinas als Staat durch. Ausgerechnet Willy Brandt schloss sich dieser Partei an, nachdem er unter der Herrschaft des NS-Regimes nach Norwegen ins Exil floh. In den "Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland 1973" (1. Januar bis 30. April) findet sich ein Dialog zwischen Brandt und dem damaligen jugoslawischen Präsidenten Josip Tito, nach dem die Hauptstraße Sarajevos benannt ist, die sich nur wenige hundert Meter von der norwegischen Botschaft befindet. Zu diesem Dialog kam es kurz vor dem Ausbruch des Jom-Kippur-Krieges, und es zeigt, wie die beiden Staatsführer den Zionismus und den Nahostkonflikt wahrnahmen.

 

Tito beklagte, dass Israel keine Konzessionen machen wolle und bemerkte, dass es keine Anzeichen seitens Israel gäbe, seine aggressive Politik zu beenden. Brandt entgegnete, dass dieser sich in Kürze auf eine Reise nach Israel begeben würde, um diplomatische Mittel für die Lösung des Konflikts walten zu lassen. Aufgrund der Shoa sei Deutschland dem Staat Israel jedoch eine besondere Ausgewogenheit schuldig, fügte Brandt hinzu. Das heißt aber keineswegs, dass Brandt nicht kritisch gegenüber der israelischen Regierung eingestellt war, wie die Worte führender Köpfe der damaligen Bundesregierung verdeutlichen: "Er liebe keine Erpressungen, selbst wenn sie von Freundesseite kämen." Zwei Jahre später würde unter der internationalen Gemeinschaft ein Konsens darüber herrschen, dass der Zionismus rassistisch sei. Dies wurde in der UN-Resolution 3379 deklariert. Der Zerfall der Sowjetunion hatte jedoch durch die neu entstandenen Staaten und Konstellationen in den internationalen Beziehungen zur Folge, dass die Resolution Anfang der Neunziger, kurz vor Ausbruch des Jugoslawien-Krieges, der ebenfalls zum Kollaps verdammt war, wieder zurückgenommen wurde.

 

Durch die Aufhebung dieser Resolution fiel es der öffentlichen Meinung auch immer schwieriger, zwischen Zionismus und Judentum zu differenzieren. Wie Brandt im oben erwähnten Dialog Tito erklärte: "Als Junge war ich Antizionist wie übrigens auch meine jüdischen Freunde damals. Durch den Krieg und nach dem Krieg durch Bildung des Staates Israel ist jedoch eine neue Lage entstanden."  Diese Passage ist ein Albtraum für die Hasbara-Beauftragten, die aktuell das Wort "Zionist" und "Jude" wie Synonyme behandeln. Eine solche Gleichsetzung erschwert natürlich für Menschen im Westen die Kritik an der israelischen Politik, weil eine solche Gleichsetzung gleichzeitig auch jegliche Gegner israelischer Politik als Antisemiten stigmatisieren kann, ein Anliegen, dass unter Anderem der jüdische Enthüllungsjournalist Dr. Norman Finkelstein und amerikanischer Intellektueller Noam Chomsky anmerkten.

Das Sarajevo Film-Festival

Letztes Jahr lernte ich mehr über die Kriegszeiten Sarajevos, über Kummer und Leid. Dieses Jahr würde es anders sein und als ich mich Abends auf den Weg in die Tito-Straße mache, wo bedauerlicherweise ein McDonald's etabliert wurde, fange ich an zu verstehen, warum sich ein Stau bildete, warum die Hostels alle voll sind. Vielleicht hätte ich all den Werbeplakaten in Sarajevo mehr Aufmerksameit schenken sollen, denn in dieser Woche findet das Sarajevo-Film Festival statt, das größte Film-Festival Südosteuropas. 

 

Wenn es irgendetwas gibt, das aus der Kriegszeit entstammt und hier in Bosnien mit Freude verbunden wird, dann ist es dieses Festival, das während der Belagerung erstmals stattfand. Sich mit den Bosniern zu sozialiseren, geht wie gewohnt sehr schnell. Eine Gruppe feiernder Einheimischer singen laut und in bester Laune. Mein Vokabular habe ich zwar erweitert, allerdings kann es zu genügend Missverständnissen kommen. Einen Moment lang muss ich daran denken, wie ich einmal eine bosnische Frau fragen wollte, warum sie so traurig ist. Dabei verwechselte ich das bosnische Wort "Tuzan" mit "Ruzan" und fragte sie versehentlich, warum sie so hässlich ist. Kommunikationsprobleme habe ich hier heute jedoch kaum, denn es finden sich viele Menschen, die Deutsch oder Englisch sprechen. Viele Menschen ziehen sich in den nahe gelegenen Park zurück, feiern, lachen und begehen die typisch säkularen Sünden. So hatte sich das Alija Izetbegovic, der erste Präsident Bosniens, zwar nicht ganz vorgestellt, sondern strebte eine Islamisierung der säkularen Muslime, aber gleichzeitig findet sich das, was Izetbegovic kurz vor seinem Tode gefordert hat. Es ist im Prinzip nicht anders, als das, was Josip Tito für sein Volk damals anstrebte. Die Republik Bosnien-Herzegowna würde nur überleben, wenn der Hass zwischen den Völkern überwunden werde. Und heute sind internationale Touristen Zeugen der "Einheit und Brüderlichkeit", die Josip Tito anstrebte, unter Bosniaken, Kroaten und Serben. Aber natürlich sind die Probleme nicht überwunden.

Travel Projects

I.    Around the World (2010)                                                           

II.   Stairway to Heaven (2011)

III.  Travelution (2012)

IV.  Era of Epicness (2013)

V.   Emergency Exits (2014)

VI.  The Slippery Path of Uncertainty (2015)

VII. Age of Turbulence (2016)

VIII. Against All Odds (2017)

IX.  Evasive Maneuvers (2018)

 X.  Home is Everywhere (2019)

XI. ??? (2020)