Grenzenlos: Von Simferopol nach Dnipropetrowsk

Im Zug sitzend werfe ich noch einmal einen letzten Blick zurück auf Simferopol. Das Krim-Kapitel war vorüber. Ein Mann Mitte zwanzig betritt das Abteil. Er stellt sich mit dem Namen Viktor vor. Viktor hat ferne Verwandte in Sewastopol besucht, lebt jedoch selbst in Kiew, wo sich die meisten Menschen - im Gegensatz zu den Einwohnern der Krim - gegen die Eingliederung der Halbinsel in die Russische Föderation aussprechen. Wenn ich an die Gemütslage der Menschen auf der Krim zurückdenke, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass auch die Verwandten von Viktor die Wiedervereinigung der Krim mit der Russischen Föderation befürworten. Um Gewissheit zu erlangen, frage ich ihn daraufhin, wie seine Verwandten in Sewastopol zu den jüngsten Entwicklungen auf der Krim stehen. "Sie sind froh über die derzeitige Situation", gibt er auf eine Art und Weise zu, die zeigt, dass er die Begeisterung seiner Verwandschaft nicht teilt. Da er in Kiew lebt, habe ich erwartet, dass er diesbezüglich eine andere Position vertritt. "Stell dir zum Beispiel vor, Dresden wolle sich unabhängig von Deutschland machen. Wäre das legal in Deutschland? Würde Deutschland das einfach akzeptieren?", fragte er mich rhetorisch. Kritiker wenden dagegen ein, dass bei solcherlei Vergleichen die historischen und kontextuellen Umstände nicht berücksichtigt werden. Darauf würde ich in unserer zweiten Begegnung zurück kommen. Zunächst höre ich ihm weiter zu, um mir ein besseres Bild von seinen persönlichen Ansichten und seinem Informationshintergrund machen zu können.

 

Viktor selbst ist in einigen Aspekten zwiegespalten und macht keinen Hehl daraus, dass es für ihn schwierig sei, einige Fragen zu beantworten, weil er sich einerseits der Ukraine zugehörig fühlt, andererseits seine Eltern russisch seien und er Verwandte in Russland habe. Sein alltägliches Umfeld ist jedoch sehr stark pro-ukrainisch geprägt, was natürlich auch einen entsprechenden Einfluss auf ihn ausübt. Was würde es für jemanden wie ihn heißen, wenn er plötzlich seine Ansichten zu einem solch sensiblem Thema ändern würde, wenn seine ultimative Schlussfolgerung Russland begünstigen würde, wo er sich doch mit der Ukraine identifiziert und in einem ukrainischen Umfeld aufgewachsen ist? Würde er nicht wie ein Verräter behandelt werden? In welchem Ausmaß würde er von seinem sozialen Netzwerk, das er über all die Jahre aufgebaut hat, entfremdet werden? Und in welchem Ausmaß würde sich das auf seine beruflichen Perspektiven auswirken, vor allem wenn man bedenkt, dass er für eine Firma wie Nestlé arbeitet? Doch obwohl es so scheint, als würde er sich inmitten einer Identitätskrise befinden, war es nicht zu übersehen, dass ihm viel daran lag, kritisch und ehrlich zu bleiben, auf den Wahrheitsgehalt zu achten. Viktor behauptet, dass ihn sogar einige Ukrainer ganz leicht verurteilen und ihn gar in die pro-russische Schublade stecken, obwohl er selbst pro-ukrainisch ist, bloß weil er auch auf Punkte aufmerksam mache, die nicht zu Gunsten der ukrainischen Regierung ausgehen. Gleichzeitig wünscht sich Viktor, dass die Krim weiterhin ein Teil der Ukraine geblieben wäre. Und wen überrascht das? Wer wäre schon glücklich darüber, ein solch schönes Stück Land zu verlieren? Aber noch wichtiger war der Punkt, dass er die im Westen vorherrschende Sicht vertritt, wonach die territoriale Integrität über dem Selbstbestimmungsrecht steht (Eine vertiefte Analyse und Zusammenfassung zu diesem Thema findet sich hier).

 

Ein etwas älterer Herr im schicken Anzug gesellt sich zu uns. Sein Name ist Nick Lyakovych, ein redseliger Geschäftsmann, der vor einigen Monaten kurz davor war, einen Abgeordnetensitz im Kiewer Stadtrat zu erhalten, wo sich Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko in der Rolle des Oberbürgermeisters wiedergefunden hat. Nick stellt uns seine 9-jährige Anna Tochter vor, die uns in den nächsten Stunden Bilder malt und akrobatische Einlagen vorführt. Schließlich singt sie uns mit ihrer unausgebildeten Stimme eine ganze Reihe sowjetischer Volkslieder vor. Ihre Version des Liedes "Katyusha" erinnert mich an eine lustige und schöne Zeit mit Einheimischen in St. Petersburg zurück, mit denen ich im trunkenen Zustand russische Lieder sang. Annas Vater ist ein Mann, der viel stärker in der politischen Szene involviert war als der Durchschnittsbürger in der Ukraine. Umso neugieriger bin ich hinsichtlich seiner Haltung zur Krise in der Ukraine. Nick erwähnt die ausschlaggebende Rolle, die Sergej Aksionov - der Premierminister der Krim - bei der Sezession der Krim gespielt hat. Ihm zufolge hat Aksionov die richtige Entscheidung getroffen und Nick hätte nicht anders gehandelt. Zur Russischen Föderation oder ihrer Regierung äußerte er sich nicht, aber umso ausdrucksstark waren seine Worte für die ukrainische Regierung. "Mittlerweile verachte ich unsere Regierung. Sie sind Mörder und Bastarde. Banditen sind nun an der Macht."

Irgendwann sind nur noch Viktor und ich im Abteil. Wir sind leicht angespannt wegen der Grenzkontrolle. Viktor hat die Sorge, dass er früher oder später in die Armee muss, weshalb er nie wirklich begeistert darüber ist, wenn er auf ukrainische Soldaten trifft. Meine Sorge war dagegen mit der fehlenden Migrationskarte verbunden, die zusammen mit weiteren Dokumenten garantiert, dass man die Russische Föderation ohne Komplikationen verlassen kann. Zu unserer Überraschung erscheint ein sehr netter und gut gelaunter russischer Soldat, der jegliche Klischees russischer Soldaten an den Grenzen dieser Region bricht. Viktor ist nicht weniger überrascht als ich. "Ich glaube, das ist eine Masche, so etwas wie 'Guter Bulle-Böser Bulle'". Er hatte vielleicht nicht unrecht: Denn wenige Minuten später steht ein mies gelaunter, grimmig blickender russischer Soldat vor uns. Er wirft einen Blick auf unsere Reisepässe und fragt mich anschließend nach meiner Migrationskarte. Den Anweisungen folgend, die ich für einen solchen Fall in einem Forum im Internet las, tue ich auf dumm und lächele ihn an. Nur noch schlechter gelaunt gibt uns der Soldat daraufhin die Pässe zurück. Wir sind aus dem Schneider, so dachten wir.

 

Der Zug nicht lange später hält wieder an. Zwei ukrainische Soldaten kommen in unser Abteil und schauen sich unsere Reisepässe an, vor allem meinen. Nach einer kurzen Absprache setzt sich einer von ihnen zu uns, während der andere vergeblich versucht, die Tür unseres Abteils hinter sich zu schließen. Anscheinend klemmt die Türklinke. Sie erklären meinem neuen Freund aus Kiew ihr Anliegen ausführlich, während ich vergeblich versuche, die Bedeutung der Konversation zu entschlüsseln. Schließlich spielt Viktor den Dolmetscher. Er gibt mir zu verstehen, dass ich nur weiter fahren kann, wenn ich garantiere, dass ich mich bei Ankunft in der Ukraine zur nächsten russisch-ukrainischen Grenze begebe, um mir von den Soldaten dort einen Stempel geben zu lassen. Damit war klar: Ich müsste nach Kharkiv fahren. Klingt gut. Das heißt, dass ich mehr von der Ukraine sehen werde. Die Soldaten haben aber noch etwas auf dem Herzen. Ich verstehe, wie Viktor ihnen weiß macht, dass ich nur ein Student sei und nicht viel Geld habe. Für sie sei es ein großes Risiko, mich durch zu lassen, geben sie zu verstehen. Sie geben sich mit einem geringen Betrag einverstanden. Die Soldaten bedanken sich und betonen noch einmal, dass ich unbedingt zur nächsten Grenze gelangen muss, sonst werde ich am Flughafen in Kiew auf große Probleme stoßen. So eilig habe ich es ohnehin noch nicht. 

 

Als die Soldaten uns verlassen, springt Viktor recht aufgewühlt von seinem Sitzplatz und sucht nach etwas. "Du bist der glücklichste Mann der Welt", übertreibt er. Er greift zu Stift und Papier und beschreibt mir bildlich, was das Problem ist. Da die Krim nach ukrainischem Gesetz noch immer zur Ukraine gehört und nach ukrainischem Recht als ein besetztes Gebiet zählt, hätte ich einen Stempel erhalten sollen, als ich in Simferopol gelandet bin. Somit halte ich mich bereits seit etwa einer Woche illegal in der Ukraine auf. "Sie hätten glauben können, dass du ein Spion bist", gab mir Viktor zu verstehen. Was auch immer hätte passieren können, wir sind nun durch gekommen und ich drücke Viktor meinen Dank aus. Ohne seine Hilfe wäre es ein sehr schwieriges Unterfangen gewesen, die nach ukrainischem Recht nicht existierende Grenze zu überqueren. Ich garantiere ihm, dass wir uns wiedersehen werden, sobald ich Kiew erreiche. Vorher steht noch einiges an, und in wenigen Stunden würde ich Dnipropretrowsk erreichen.




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 Anmerkung: In den Reiseberichten sind viele Namen umgeändert worden.