Ein Mädchen namens Katjuscha

Das letzte Mal, als ich Tränengas abbekam, war vor der amerikanischen Universität in Kairo, als die Proteste wieder einmal eskalierten. Dieses Mal stehe ich jedoch vor dem Eingang der Fidel-Bar in St. Petersburg, wo ein Einheimischer wohl etwas zu viel getrunken hat und entsprechend Unruhe stiftet. Die Türsteher greifen hart und konsequent durch. Nur so kriegt man hier einige Menschen, die ihre Grenzen nicht kennen, in den Griff. Das Gas verbreitet sich sehr schnell und weit. Bevor Tränen fließen, ziehen wir uns in die Bar zurück. Es ist der Beginn meines zweiten Aufenthalts in der Russischen Föderation, und meine erste Nacht unterwegs in St. Petersburg. In der Bar lerne ich einen Italiener namens Benedetto kennen. Wir bestellen unsere Drinks und analysieren dabei die Menschenmenge, die größtenteils aus Studenten besteht.

 

Im Laufe des Abends lernen wir auch einige leicht einprägsame Persönlichkeiten kennen. "Russischer Bär" ist das erste, was mir in den Sinn kommt, als ich mir den betrunkenen, kräftigen aber irgendwo sensiblen Dimitri anschaue, der von seinem Freund Viktor immer mal wieder beruhigt wird, sobald Dimitri das Gefühl bekommt, dass er sich behaupten müsse, und er fühlt sich sehr schnell herausgefordert. Kaum zu glauben, dass der homosexuelle Russe, den wir später begegnen, sich im selben Raum aufhalten kann wie ein Dimitri, wenn es auch wahr ist, dass unter jenen Individuen in Russland, denen physikalische Konfrontationen Freude bereitet, die üblicherweise wehrlosen Homosexuellen die bevorzugte Zielgruppe darstellen. Benedetto und ich bestellen noch einen Drink, bevor wir uns zu einer Gruppe von Menschen vor dem Eingang gesellen. Eines der Individuen entpuppt sich als ein älterer Deutscher, der vor vielen Jahren nach Russland auswanderte, um als männliche Prostituierte zu arbeiten. Nicht viel später lässt mich ein Mädchen stolz wissen, dass sie wie Katharina die Große sei, die am längsten herrschende Frau Russlands. Eine enthüllende Bemerkung. "Katharina die Große hatte viele Liebhaber", erinnere ich mich. Sie nickt und lächelt lüstern, als fände sich das Wort "Schamgefühl" nicht in ihrem Wortschatz.

 

Es wurde definitiv Zeit für einen weiteren Drink. Ein eher suspekter Kerl gesellt sich zu mir. Sein Freund, dessen fehlender Vorderzahn und grimmiger Gesichtsausdruck ihn nicht wie den angenehmsten Zeitgenossen erscheinen lassen, setzt sich auch dazu. Irgendwann beschließen sie, mir russische Rapmusik zu zeigen, die mich nicht sonderlich beeindruckt. Stattdessen frage ich mich, was die beiden vorhaben. Sie erinnern mich ein wenig an die zwei Serben in Belgrad, die knapp daran scheiterten, mich auszurauben. Um etwas gegen diesen spannungsgeladenen Moment zu tun und um gegen jegliche Eskalation vorzubeugen, schlage ich den beiden Herren vor, ein Lied für sie zu singen, nicht weil ich ein talentierter Sänger bin, sondern weil mein Selbstbewusstsein enorm gestiegen ist, nachdem ich zuvor eine ganze Weile in einer russischen Karaoke Bar verbracht habe. Ausschlaggebender für mein Vorhaben ist jedoch meine Intention, ein Lied in ihrer Landessprache zu singen. Eine Freundin zeigte mir einmal ein paar russische Lieder, und heute würde ich mir eines meiner Lieblingslieder aus Russland aussuchen. Die zwei Herren schauen mich erwartungsvoll an. Ich fange an, zu singen: "Na Pole Tanku Grohotali". Euphorisch schreien sie auf und singen die Strophen des Liedes mit, das die Schlachten der roten Armee im zweiten Weltkrieg thematisiert. Anschließend umarmt mich einer der beiden anerkennend. Innerhalb von Sekunden wurde ein Westler zu ihrem "Brati".

 

Zurück an der Theke will ich einen weiteren Drink bestellen. Zwei russische Damen meckern die Barkeeperin an, weil sie so lange brauchen würde. Scheinbar geben sie auch abwertende Kommentare von sich. Die Barkeeperin atmet anschließend tief ein und schaut nach oben, nicht weil sie etwas Sehenswertes auf der Decke des Raumes erblickt, sondern um ihre Tränen zu unterdrücken, die aus ihren Augen zu kullern drohen. Schließlich verlässt sie die Theke und die Bar, um ihre Emotionen rauszulassen, während die anderen Barkeeper dessen ungeachtet weiter Cocktails mischen. Niemand scheint sie auch nur bemerkt zu haben. Irgendwann kehrt sie zurück und arbeitet eiskalt weiter. "Was möchtest du trinken?", fragt sie mich abwesend. "Ist alles in Ordnung?", frage ich und ganz plötzlich, auf eine extreme Art und Weise verändert sich ihre Stimmung um 180 Grad. Sie bedient den Rest der Nacht glücklich und zufrieden weiter, als wäre nie etwas passiert und zeigt sich später dankend, als hätte ich etwas Großes geleistet, obwohl ich nur ein paar Wörter geäußert habe. Wie erstaunlich leicht es hier ist, einem Menschen das Lächeln zurückzuzaubern. 

 

Ein paar russische Studenten geben mir weitere interessante Einblicke in ihr Land und in ihre Kultur, bis eine Frau auftaucht, die es mir erschwert, mich auf tiefsinnige Diskussionen zu konzentrieren. Ist da etwas, was ich tun kann, um sie zu beeindrucken? Ich habe eine Idee. "Na Pole tanku Grohotali....". Sie ist darüber entzückt, dass ich ein russisches Lied singe, doch anscheinend fokussiert sie sich auch auf meine technische Versiertheit. Wie hätte ich wissen können, dass sie in einer Hochschule für Musik studiert? Eigentlich hatte ich beabsichtigt, ihr Herz zum Erwärmen zu bringen, doch sie und ihre Freundin drehen den Spieß um, reagieren auf eine sehr unerwartete Art und Weise und kontern meine Charme-Offensive, indem sie mich mit ihren schönen und ausgebildeten Stimmen geradezu hypnotisieren. Voller Leidenschaft singen sie eines der berüchtigsten Lieder in der Geschichte Russlands. Andere Einheimische stoßen dazu und singen stolz mit. Dabei geben sie mir das Gefühl, dass ich mich mitten in einem russischen Musical befinde. Dieses Lied wurde erstmals in Moskau im Juli 1941 aufgeführt, um von russischen Soldaten Abschied zu nehmen, bevor sie in den Kampf gegen Nazi-Deutschland zogen. Fast die Hälfte aller Opfer im zweiten Weltkrieg waren Russen. Daher kann sich jede russische Familie persönlich mit diesem Lied identifizieren, und so auch heute die Menschen um mich herum. Es ist ein ein Lied, das all die russischen Soldaten ehrt, die gekämpft haben, um ihr Land und ihre Familien im größten Krieg in der Geschichte der Menschheit zu schützen. Ein Lied über ein einfaches Mädchen namens Katjuscha.




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II.   Stairway to Heaven (2011)

III.  Travelution (2012)

IV.  Era of Epicness (2013)

V.   Emergency Exits (2014)

VI.  Venture Capital Plan (2015)

VII. Age of Turbulence (2016)

VIII. Against All Odds (2017)

IX.  Evasive Maneuvers (2018)

 X.  ??? (2019)



Die Taschen waren voll mit Geldbündel. Jetzt musste ich schleunigst nach Merida gelangen, um all die Wertsachen zu sichern. Ankunft in Venezuela.


Ein Jahr ist es her, als die Krim auf eine kontroverse Art und Weise wieder ein Teil Russlands wurde: Eindrücke aus der Halbinsel sechs Monate später.


Was wäre, wenn man von einem Tag auf den anderen plötzlich das zehnfache oder zwanzigfache von seinem Geld besäße? In Venezuela kann sich diese Frage schnell beantworten lassen. Mehr dazu im Artikel Operation 'Lechuga Verde'


Kuriose Gesetze, düstere Legenden und weltbekannte Sehenswürdigkeiten. Ein paar Eindrücke aus London.


IranAnders meets Russia Today (Deutsch). 


Erinnerungen an Palästina im Dezember 2012: Christen und Muslime feiern gemeinsam Weihnachten unter Besatzung.


Standhaft im Fall der Fälle: Impressionen aus Beirut im September 2012, mit einem Blick auf die aktuellen Entwicklungen im Libanon und Umgebung.

 


Kharkiv im Spätsommer 2014:

Der Notstempel


Nach unzähligen typischen Nahost-Diskussionen: Eine fast typische Nahost-Diskussion.