Der Notstempel


Kharkiv Hauptbahnhof
Kharkiv Hauptbahnhof

Am Eingang warten einige Menschen. Andere sitzen im Park und genießen den Sonnenuntergang. Niemand scheint in Eile zu sein. Beruhigende Musik klingt aus den Lautsprechern und untermalt die friedliche Atmosphäre hier am Hauptbahnhof der ehemaligen ukrainischen Hauptstadt. Wenn dies die ersten Eindrücke bei der Ankunft in Kharkiv sind, dann vergisst man im ersten Moment schnell, dass nicht weit von dieser Stadt Panzer Rollen und Granaten geworfen werden. Ob sich der Krieg in der Oblast Donezk bis nach Kharkiv ausweiten würde?

 

Als eine Stadt, die nahe an der russischen Grenze liegt, verwundert es nicht, wenn man hier fallweise auf Soldaten trifft. Aber auch als Reisender erkennt man schnell, dass die starke Präsenz wachsamer Soldaten in Kharkiv unüblich ist. Die Angst der Einwohner in Kharkiv machte sich im Spätsommer 2014 spürbar. Verstärkt wird sie durch die Meldungen in den lokalen Medien. "Im Fernsehen wird auch die ganze Zeit darüber berichtet, wie der Krieg sich jeder Zeit bis nach Kharkiv ausweiten könnte", gab mir ein Taxifahrer sinngemäß zu verstehen. "Wir wollen nur Frieden", betonten mehrere Einwohner hinsichtlich der Frage, ob sie sich eher Russland oder der Ukraine zugehörig fühlen. Ob die Krim denn nun russisch oder ukrainisch sei, ließ eine frisch verheiratete Dame in der Moskvich-Bar unkommentiert. Ein sensibles Thema, vor allem hier in Kharkiv, vor allem für eine frisch verheiratete Frau in Kharkiv.

Zwischen Ukrainischer und Russischer Identität

Schnell merke ich, dass ich mich nicht länger in der Russischen Föderation aufhalte. Die blau-gelbe Flagge ist omnipräsent. Die pro-ukrainische Einstellung beschränkt sich jedoch nicht bloß auf die von den ukrainischen Autoritäten ausgehende Förderung des Nationalgefühls. Auch unabhängig davon haben nicht wenige Menschen in Kharkiv eine pro-ukrainische Haltung. Allerdings merke ich auch genau so schnell, dass ich noch nicht in Kiew angekommen bin, wo ein Vitali Klitschko weiterhin den Zuspruch vieler Menschen genießt. Als der Ex-Boxer hier in Kharkiv eine Rede hielt, bewarfen ihn Einheimische mit Eiern. Der von der ukrainischen Übergangsregierung geplante Verbot der russischen Sprache hätte das Eskalationspotenzial sicherlich nur noch weiter erhöht, wenn man bedenkt, dass alleine hier in Kharkiv russische Muttersprachler die Mehrheit ausmachen.

 

Aufgrund der zwei sich stark kontrastierenden Werteorientierungen, die hier aufeinander treffen, scheint es zunächst, als wäre das Konfliktpotenzial in Kharkiv besonders groß. Allerdings sind die Sezessionsbestrebungen der pro-russischen Einwohner in Kharkiv, oder gar die Bestrebung einer Eingliederung in die Russische Föderation, nicht so stark wie das Verlangen der Einwohner auf der Krim, selbst wenn es sich eine klare Mehrheit in Kharkiv wünschen würde. Denn dafür hätten sie einen viel höheren Preis zu zahlen. Die Ausgangslage dieser Bürger gleicht nicht den Umständen, unter denen die Bewohner der Krim sich unabhängig machen konnten. Während die Menschen auf der Krim die Eskalation in der Ostukraine als eine Bestätigung dafür sehen, dass sie durch die Eingliederung in die Russische Föderation nun besser aufgehoben sind, schauen viele Bürger in Kharkiv nach Donezk und befürchten ein ähnliches Schicksal, wenn auf Unabhängigkeit oder auch nur auf mehr Autonomie beharrt wird. 


Es war hier in Kharkiv, als im Jahr 2010 ein Vertrag zwischen der Ukraine und der Russischen Föderation unterzeichnet wurde, der die Entwicklungen auf der Krim im Jahr 2014 mitbestimmte. Der Kharkiv-Vertrag garantiert der Ukraine Gas zu einem ermäßigten Preis, wofür die ukrainische Regierung die Präsenz russischer Truppen auf der Krim gewährleistet.

 

Der Winter bricht an. Die Ukraine hat ihre Schulden gegenüber Russland trotz des ermäßigten Preises nicht ausgleichen können und der Gasmangel macht dem Land schwer zu schaffen. Dies hat weitgehende und unmittelbare Folgen für die Ukrainer. "In mehreren Universitäten wird jetzt jeden Tag unterrichtet, auch Samstags und Sonntags. Dafür werden die betroffenen Studenten den ganzen Winter frei haben, damit der Gasmangel kompensiert wird.", erklärte ein junger Mann aus Kiew. Dieses Problem wird wohl insbesondere Kharkiv treffen, das als das Bildungszentrum des Landes schlechthin gilt.

An der Russisch-Ukrainischen Grenze

Es war an der Zeit, die russisch-ukrainische Grenze zu erreichen. Ein Busfahrer weigerte sich, mich mitzunehmen. Ihm war mein Anliegen zu suspekt. Plan B: Eine teure Taxifahrt führt mich und eine Dame, die nach Belgorod gelangen wollte, zur Grenze. "Du weißt aber, dass in der Ukraine ein Krieg herrscht?", fragte mich die neugierige Mitfahrerin. "Ja, aber in Donezk", antwortete ich. Einerseits muss es in Kharkiv einigen Menschen verdächtig vorkommen, wenn ein Reisender in der derzeit angespannten Lage Kharkiv besucht. Andererseits verspüren sie sicherlich auch Erleichterung, wenn Reisende überhaupt noch hierher kommen, denn das gibt den Menschen in Kharkiv  das Gefühl, dass eine gewisse Normalität wieder zurückkehrt.

 

An der Grenze angekommen schildere ich einen der Soldaten das Problem, das mich hierher geführt hat. Der Soldat betrachtete sich meinen Reisepass. Gleich würde er sehen, wie ich am 10. September die Russische Föderation offiziell verlassen hatte. Dann würde er weiterblättern und vergebens nach einem Eintrittsstempel in die Ukraine suchen. "Das ist nicht normal", sagte er nach längerem Überlegen. Nachfolgend beschrieb ich ihm meine Situation etwas genauer. Ein wenig später gibt er mir in geschlossener Gesellschaft zu verstehen, dass das ganze für ihn eine riskante Angelegenheit sei. Es gab sich schnell zu erkennen, worauf er hinaus will. "Du willst Geld", unterbrach ich ihn, woraufhin er noch einmal betonte, dass es sich hierbei um keine normale Situation handele. Überraschenderweise zeigte sich der Sodat sehr einsichtig, als ich die teure Taxifahrt ansprach. Er verzichtete danach auf jegliche "Extragebühren" und verpasste mir den "Notstempel". Nun hielt ich mich nicht mehr länger illegal in der Ukraine auf. Zumindest dachte ich das. Wichtig war zunächst nur, dass ich mich an mein Wort gegenüber den Soldaten, die ich Tage zuvor im Zug traf, gehalten hatte. Nun würde es schon sehr bald nach Kiew gehen.

 

Zurück am Eingang des Hauptbahnhofs von Kharkiv. Ein letzter Blick auf das Umfeld. Und noch ein Blick in den Himmel. Wie zuvor tragen die Vögel mit ihrer V-Formation zur harmonischen Atmosphäre am Hauptbahnhof von Kharkiv bei. Währenddesen formieren sich die Truppen etwas weiter östlich.


Projekt: Emergency Exits

Kapitel: 12

Phase: 3




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