Straight into Compton


Ein Shuttlebus führt mich zur Metrostation "LAX", wo ich die grüne Linie nehme, bis der Zug in Willowbrook anhält. Um Hollywood zu erreichen, muss ich als nächstes in die blaue Linie einsteigen. Aber in welche Richtung? Ich habe es vergessen. War es Long Beach? Einen Moment lang macht das für mich Sinn. In dem Moment, in dem ich den Zug betrete und sich die Türen hinter mir schließen, erinnere ich mich allerdings wieder daran, dass Hollywood doch in der anderen Richtung ist. Das passiert, wenn man eineinhalb Tage nicht geschlafen hat. Kein Problem. In der nächsten Station kann ich einfach wieder umsteigen. Diese wird nach einer Minute angekündigt. Habe ich gerade richtig gehört? Der Zug wird langsamer. Als ich aus dem Fenster schaue, wird mir schnell ersichtlich, dass dieser Ort nicht gerade danach aussieht, als würde er sich in der Nähe von Hollywood befinden. Wir halten an. Es scheint jedoch, als wäre ich die einzige Person, die hier aussteigt. Neben der Stelle, wo ich mein Gepäck auf dem Boden lege, krabbelt ein Tausendfüßler herum. Vor mir steht das Haltestellenschild der Station. Das kann doch nicht wahr sein. Da steht "Compton".


Als ich merke, dass ich gegen Mitternacht aus Versehen in eines der gefährlichsten Städte der USA gelandet bin, deren bedrohliche Entwicklung durch legendäre Rapper wie Ice Cube, Dr. Dre und Eazy-E international an Bekanntheit gewann und zu einer Revolution in der Popkultur führte, fühlte ich mich einerseits etwas eingeschüchtert, aber dennoch war das Verlangen groß genug, um meine Kamera auszupacken und ein Foto von dem Haltestellenschild zu schießen. Als ich noch einmal auf das verschwommene Bild schaue, scheint es so, als würde es genau meinen Zustand nach dem langen Trip reflektieren. Wie ein typischer Tourist suche ich nach etwas Fotogenem, jedoch vergeblich. Dann sehe ich ein, dass es vielleicht nicht die beste Idee ist, alleine um diese Uhrzeit mitten in Compton Fotos zu schießen. Außerdem sollte ich schnell nach einem Fahrplan suchen, wenn ich heute noch Hollywood erreichen will. Es ist sehr spät. Ob die Züge überhaupt noch fahren?

Ein Geräusch lenkt meine Aufmerksamkeit in eine andere Richtung. Zu meiner Rechten sehe ich jemanden auf einer Bank sitzen, der mir vorher nicht aufgefallen ist. Abgesehen von dem Tausendfüßler ist er das erste Lebewesen, das ich in Compton zu Gesicht bekomme. Als ich näher hinschaue, kann ich meinen Augen kaum trauen: Er ist weiß. Irgendetwas kann mit ihm nicht stimmen. Nur ein irrer Weißer würde sich um diese Uhrzeit in Compton aufhalten, vor allem wenn er ein Fahrrad mit sich herumschleppt. Er muss hier auch versehentlich ausgestiegen sein. Die Gewissheit kriege ich, als er mich anspricht. Auch er ist in die falsche Richtung gefahren. Er stellt sich mit dem Namen Gabriel vor. Kein Fahrplan ist hier in Compton ausgehängt. Wir können nur hoffen, dass die Züge noch fahren. "Mein Onkel aus New York hat mir erzählt, dass die Bronx auch nicht mehr so gefährlich ist wie vor 10 Jahren", versuchte ich uns zu beruhigen. "Hier hat sich nichts verändert", entgegnete Gabriel und zerschmetterte meinen Optimismus. Schweigen. "Warst du schon einmal hier in Compton?", fragte ich, obwohl ich die Antwort hätte erraten können. "Ich hatte nie einen Grund hier zu sein". Schweigen.

 

Auch wenn die Stadt Compton laut FBI zu den gefährlichsten Städten der USA zählt, hat sich die Lage hier in den letzten Jahren verbessert. Verschiedene Maßnahmen wurden dafür ergriffen, wie etwa die Verdopplung der Sherrifs in der Stadt oder das "Gifts for Guns"-Programm, das 2005 eingeführt wurde und vorsah, dass Einheimische in Compton Gutscheine bzw. Geld erhalten, wenn sie dafür ihre Waffen abgeben. Und der Höhepunkt der Rivalität zwischen den Bloods und den Crips, zwei der größten amerikanischen Gangs, die die Einwohner Comptons Jahre lang in Angst und Schrecken versetzt hatten, liegt nun viele Jahre zurück. Die Lage in Compton verbessert sich, aber die Atmosphäre hier heute Nacht zeigt uns auch, dass sich die Stadt nicht binnen kürzester Zeit in Schlumpfhausen entwickelt hat. 


Eine ganze Weile haben wir nun gewartet und darauf gehofft, dass die Züge noch fahren. Ein Auto hält auf dem Parkplatz. Laute Musik schallt aus den Boxen der Karre. Es wird an diesem Ort sicherlich kein liebevoller Familienvater aus einem solchen Wagen um diese Uhrzeit aussteigen. Einen Augenblick muss ich an Toni Morrisons Roman "Paradise" denken. Falls nun ein bewaffneter, böswilliger Gangster rauskommt, wird er den Weißen wohl zuerst erschießen. Mit mir kann er sich Zeit lassen. Dann sehen wir jedoch aus der Ferne, wie sich ein Zug nähert. Wir steigen ein, bevor die Individuen im Auto aussteigen.

 

Unsere Erleichterung nach dem Betreten des Zuges hält nur für paar Sekunden an, bis ein junger betrunkener schwarzer Mann vor uns steht und uns wie ein Zombie anstarrt. Er beschließt, sich zu uns zu setzen. Anscheinend hat er irgendetwas vor. Gabriel und ich bleiben gelassen und unterhalten uns mit unserem neuen Freund, der ein wenig unter Stimmungsschwankungen zu leiden scheint. Wir hören ihm geduldig zu, während seine ruhig angesetzten Formulierungen immer mal wieder lauter und ausdrucksstärker werden. Offensichtlich hat er eine große Faszination für Waffen, aber er schaut auch hin und wieder auf Gabriels Fahrrad und gelegentlich auf mein Gepäck rüber. Zwischenzeitlich frage ich mich, ob unser neuer Freund durch den Ghetto-Film "Menace 2 Society" inspiriert wurde, oder ob die Macher dieses Films ihre Inspiration von Menschen wie ihm haben. Der verdächtige Kerl greift plötzlich in seine Innentasche, auf eine Art und Weise, wie ich es bislang nur aus Hollywood-Filmen kenne, bevor die Filmcharaktere ihre Pistole auspacken. Aber er holt nur eine kleine Likörflasche heraus. "Willst du auch?", fragt er mich, nachdem er einen kräftigen Schluck nimmt. Ich lehne dankend ab. Je mehr wir uns aber mit diesem suspekten Individuum unterhalten, desto mehr stellt sich heraus, dass er sich lediglich nach Aufmerksamkeit sehnt.

 

Eine halbe Stunde geht vorüber, bis wir in Hollywood ankommen. Gabriel bietet mir an, ein Motel für mich zu finden. Also steige ich da aus, wo er aussteigt. Aber unser neuer Freund beschließt dort auszusteigen, wo wir aussteigen. Als wir in "Hollywood/Vine" ankommen, dauert es nicht lange, bis wir junge Frauen erblicken, die vor einem Club stehen und ihre physikalischen Vorzüge exhibitionistisch präsentieren, um die Türsteher zu beeindrucken, in der Hoffnung, im Club auf die großen Stars zu treffen. Der junge Herr aus Compton erweicht und findet die jungen Frauen scheinbar interessanter als mich und Gabriel. Hier trennen sich unsere Wege. Nicht viel später, nachdem wir ein Motel finden, verabschiedet sich Gabriel bei mir. Bevor ich ein Zimmer buche, schaue ich mich noch einmal um und registriere, wo ich nun bin. Trotz des langen und erschöpfenden Trips ist meine Euphorie immer noch größer als meine Müdigkeit, als ich ein Straßenschild erblicke, wieder meine Kamera auspacke und ein weiteres miserables Foto schieße. Die Nacht endet in der Straße, die als "Boulevard of Broken Dreams" bekannt ist.



Travel Projects

I.    Around the World (2010)

II.   Stairway to Heaven (2011)

III.  Travelution (2012)

IV.  Era of Epicness (2013)

V.   Emergency Exits (2014)

VI.  Venture Capital Plan (2015)

VII. Age of Turbulence (2016)

VIII. Against All Odds (2017)

IX.  Evasive Maneuvers (2018)

 X.  ??? (2019)



Die Taschen waren voll mit Geldbündel. Jetzt musste ich schleunigst nach Merida gelangen, um all die Wertsachen zu sichern. Ankunft in Venezuela.


Ein Jahr ist es her, als die Krim auf eine kontroverse Art und Weise wieder ein Teil Russlands wurde: Eindrücke aus der Halbinsel sechs Monate später.


Was wäre, wenn man von einem Tag auf den anderen plötzlich das zehnfache oder zwanzigfache von seinem Geld besäße? In Venezuela kann sich diese Frage schnell beantworten lassen. Mehr dazu im Artikel Operation 'Lechuga Verde'


Kuriose Gesetze, düstere Legenden und weltbekannte Sehenswürdigkeiten. Ein paar Eindrücke aus London.


IranAnders meets Russia Today (Deutsch). 


Erinnerungen an Palästina im Dezember 2012: Christen und Muslime feiern gemeinsam Weihnachten unter Besatzung.


Standhaft im Fall der Fälle: Impressionen aus Beirut im September 2012, mit einem Blick auf die aktuellen Entwicklungen im Libanon und Umgebung.

 


Kharkiv im Spätsommer 2014:

Der Notstempel


Nach unzähligen typischen Nahost-Diskussionen: Eine fast typische Nahost-Diskussion.