Die Narben Sarajevos

Die Weltreise neigt sich langsam dem Ende zu. Nur noch eine Region bleibt übrig. Vom Flugzeug aus sehe ich die grünen Hügel, von denen die kleine Hauptstadt Bosniens umgeben ist. Diese schöne Lage wurde den Einwohnern Sarajevos in den Neunziger Jahren zum Verhängnis, als sich dort serbische Panzer positionierten. Die Einwohner waren umzingelt. Heute herrscht hier wieder Frieden, doch alte Wunden reißen immer wieder auf, sobald eines der vielen Minen explodieren, die sich noch bis heute in Bosnien finden. Da diese Minen willkürlich gelegt wurden und keine Karte vorhanden ist, um sie aufzuspüren, bleibt das Entfernen der Minen in Bosnien bis heute eine große Herausforderung. Die Technologien, die man sich hier leisten kann, reichen für die Aufspürung vieler Minen nicht aus, da die verfügbaren Geräte nicht zwischen Minen und den metallischen Substanzen auf den Hügeln unterscheiden können. Mehrere Menschen, die sich an der Entfernung der Minen beteiligten, verloren bei ihrem Vorhaben ihr Leben.

 

Die meisten Minen befinden sich heute in abgelegenen Orten, so dass die Minen vor allem für Reisende heutzutage kaum noch eine Gefahr darstellen. Je höher man sich auf den Hügeln befindet, oder je isolierter ein Ort ist, desto wachsamer muss man sein. Es wird empfohlen, sich von Wiesen fernzuhalten, insbesondere wenn diese nicht gemäht sind, da dies einen triftigen Grund haben kann. Selbstverständlich wird auch davon abgeraten, sich demolierten Häusern zu nähern. Obwohl man in einigen betroffenen Orten Schilder findet, die vor Minen warnen, sollte man umso wachsamer in abgelegenen Gegenden sein, wo sich solche Schilder nicht finden, da viele Minen bis heute nicht entdeckt wurden. Solange man sich auf den mit Menschen gefüllten Straßen bzw. auf den Hauptstraßen befindet, gibt es keinen Grund zur Sorge.

Die Belagerung Sarajevos auf einer Karte dargestellt
Die Belagerung Sarajevos auf einer Karte dargestellt

Ankunft in Bascarsija

Schnell merkt der Reisende, wie enthusiastisch die Bosnier die Geschichte ihres Landes und auch ihre persönlichen Geschichten teilen. Sogar der Taxifahrer, der mich vom Flughafen in die Altstadt fährt, macht mich auf diverse Stellen aufmerksam und erzählt vom nicht lange vergangenen Krieg. Während der Taxifahrt, die sich geradezu in eine kleine Tour entwickelt hat, zeigt der Fahrer auf das Holiday Inn Hotel, dessen gelbe Farbe das Gebäude im Stadtbild besonders hervorhebt. In der frühen Phase des Krieges positionierten sich serbische Soldaten auf dem Dach dieses Hotels um eine Friedensdemonstration aufzulösen. Der Taxifahrer gibt mir mit Zeichensprache zu verstehen, wie vom Dach aus Schüsse fielen. 

 

Bei Ankunft in der Altstadt Bascarsija, dem Herzen Sarajevos, kontaktiere ich Indira, die vorschlägt, dass wir uns vor der Nationalbibliothek Vijecnica treffen. Diese wurde bei einem Brand während der Belagerung in Sarajevo schwer beschädigt. Von Millionen von Büchern war bis auf Asche nicht mehr viel übrig. Heute, 18 Jahre später, wird Vijecnica restauriert. Bevor ich Indira treffe, unternehme ich einen Spaziergang und versuche, mich an die Steinpflaster der Altstadt zu gewöhnen. Zahlreiche Geschäfte verführen den Reisenden, Souvenirs und Kleider zu kaufen. Der Geruch von Cevapcici lockt mich in Richtung eines Restaurants, bis ein armes Kind auf mich zu läuft und mich nach Geld fragt. Die Einheimischen, die im Restaurant sitzen, schauen amüsiert herüber und bemerken wohl, dass ich mich das erste Mal hier in Sarajevo aufhalte. Organisiertes Betteln ist hier gängig. Nicht lange später stehe ich wieder vor Vijecnica. Gerne würde ich mich in dieses Gebäude begeben, allerdings ist der Eingang abgesperrt. Ob es einen Weg gibt, die Bibliothek zu betreten?

Vijecnica wird restauriert
Vijecnica wird restauriert

Indira

Es ist unsere erste Begegnung, und wir verschwenden keine Zeit. Indira scheint genau so aufgeregt darüber zu sein, einem Reisenden ihre Heimat zu zeigen, wie ein Reisender darüber aufgeregt ist, neue Orte zu erkunden. "Wo gehen die Menschen Nachts weg in Sarajevo?", frage ich sie. Sie schlägt mir das ein oder andere Lokal vor, merkt jedoch an, dass sie sich da nicht sonderlich gut auskennt, da sie nachts nur selten ausgeht. Sie mag keine lauten Orte, was mich nicht länger wundert, nachdem ich mehr über ihre Geschichte erfahre. Doch zunächst betrachten wir uns Jedileri, eine Grabstätte mit sieben dunkelgrünen Fenstern. "Sieben Brüder starben hier", erklärt mir Indira, wobei hier nicht von biologischen Brüdern, sondern Brüder im Glauben die Rede ist. Bevor die Einheimischen die Straße passieren, werden üblicherweise Münzen in die Geldeinwürfe reingesteckt, die an den Fenstern befestigt wurden. Während wir den Miljacka-Fluss entlanglaufen, bleibt Indira kurz stehen und zeigt auf die gegenüberliegende Seite der Brücke. Dort fielen der österreichische Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau einem Attentat zum Opfer. Dies löste 1914 den ersten Weltkrieg aus. Nicht weit von hier befindet sich die ewige Flamme, die an die Befreiung Sarajevos von der Besatzung Nazi-Deutschlands und Kroatiens erinnert. Vor einem Park auf der Tito Straße, die Hauptstraße Sarajevos, findet sich ein glänzendes Denkmal. Die vielen kleinen Hand- und Fußabdrücke lassen einen schnell schlussfolgern, dass es sich hierbei um das Denkmal für die Kinder handelt, die während der Belagerung, die erst vor 15 Jahren endete, ums Leben kamen. Sehr oft sitzen hier Eltern, Brüder, Schwestern und andere Verwandte der jüngsten Opfer des Krieges, um ihnen zu gedenken.


Indira zeigt auf eine Stelle mit roten Flecken auf dem Boden. Wo immer man diese Flecken findet, kamen mindestens drei Einheimische durch einen Mörserangriff ums Leben. Die hinterlassenen Spuren wurden mit rotem Harz gefüllt. Diese roten Flecken werden auch die "Rosen Sarajevos" genannt. Viele andere Orte erinnern die Bosnier immer wieder an die Schreckenszeit, wie etwa der Markale-Markt, wo sich 1994 und 1995 jeweils ein Massaker ereignete. Einem Reisenden fällt viel schneller das schwer beschädigte Parlamentsgebäude auf, das während der Belagerung von Panzern beschossen wurde und lichterloh brannte. 

 

Wir kommen an einem Kiosk an, wo ich mir eine Pepsi kaufe. Als ich Indira Frage, ob sie auch eine Dose will, lehnt sie dankend ab und merkt an, dass dies Auswirkungen auf die Palästinenser hat. Das war mir nicht unbekannt. Doch erst nach der Weltreise würde ich mehr darüber erfahren. Da PepsiCo Inc. und die Strauss Company, von der bekannt ist, dass sie die IDF unterstützt, gemeinsam lukrative Geschäfte machen und gemeinsam mehrere Tochtergesellschaften besitzen, begünstigt PepsiCo's starke Kooperation mit Strauss Company die IDF. Ein halbes Jahr nach meinem Aufenthalt in Sarajevo würde ein Bericht veröffentlicht werden, wonach die Strauss Company ihre explizite Unterstützung für die IDF wegen des massiven Drucks von Aktivisten und internationalen Boykott-Bewegungen von ihrer Homepage entfernte. Nicht viel später waren auch die Bemühungen der israelischen Bewegung Gush Shalom so effektiv, dass die israelische Regierung beschloss, ein Gesetz zu etablieren, welches den Israelis verbietet, auf die Straßen zu gehen und solche Boykottierungen von Produkten und Verurteilungen des illegalen Siedlungsbau zu verurteilen.

  

Die Sonne geht bald unter. Indiras informativer Crash-Kurs zur Geschichte Sarajevos ist beinahe vorbei. Während ich über meine Eindrücke spreche, schubst sie mich plötzlich zur Seite, weil sie ein Objekt bemerkt hat, das auf dem Boden liegt. Es ist nur ein Taschentuch. Sie betont, dass man nie vorsichtig genug sein kann und erinnert mich an den Wahnsinn des Krieges. Die perverseste Form der Kriegsführung waren wohl die Minen, die in Spielzeuge auf der Straße gelegt wurden, um Kinder anzulocken. Damals war auch Indira ein Kind. Sie erzählt mir, wie sie damals während dem Beschuss auf Sarajevo Wasser holen ging. Indira braucht eine Weile, um mir etwas zu erklären und versucht, auf ein englisches Wort zu kommen. "Versuch es auf Bosnisch", fordere ich sie auf, obwohl ich weiß, dass ich nur ein kleines Vokabular habe. "Strah", sagte sie. Ein Wort, das ich verstehe.

 

Zurück in Bascarsija stehen wir vor dem Sebilj-Brunnen, das vielleicht berüchtigste Wahrzeichen Sarajevos, dessen Baustil an der osmanischen Architektur angelehnt ist. "Sebilj" leitet sich vom arabischen Wort "Sabil" ab und heißt soviel wie "Weg" oder "Reise". Der Legende zufolge kehrt man eines Tages nach Sarajevo zurück, wenn man von diesem Brunnen trinkt. So gedenke ich, eine Rückkehr heraufzubeschwören und die Legende wahr werden zu lassen, und koste das Wasser vom Sebilj-Brunnen. Dann wird es Zeit, sich zu verabschieden. Vielleicht würden Indira und ich uns eines Tages wieder begegnen.  

Der Sebilj-Brunnen
Der Sebilj-Brunnen

Running up That Hill

Über die Zukunft nachdenkend spaziere ich noch ein Weilchen auf den Straßen Sarajevos, bis ich im nächsten Moment auf einer Wand eine Aufschrift in Graffiti bemerke, die mir Sarajevo wie einen guten Freund erscheinen lässt, der gerade meine Gedanken gelesen hat und mir und einen Ratschlag gibt: "Make a Choice". Zunächst treffe ich die Wahl, die Hügel möglichst weit hoch zu laufen. Stunden später schaue ich mich um. Eine schöne Aussicht auf der einen Seite Viele Gräber auf der anderen Seite. Aus einer Distanz erblicke ich Grbavica, jener Stadtteil Sarajevos, der während dem Krieg am meisten in Mitleidenschaft gezogen wurde. So weit muss man aber gar nicht schauen, um auf die Narben Sarajevos zu stoßen. Demolierte Gebäude voller Einschusslöcher finden sich fast überall. Eine ungewohnte Stille umgibt mich, während ich weiter die Straße hochlaufe und versuche, mich in die Lage der Bosnier in Zeiten des Krieges hineinzuversetzen. Sogar als der Krieg ein Ende fand, können sie sich nie sicher gefühlt haben, da sie niemals sicher sein konnten, wo sich die nächste Mine befindet. Sogar heute ist man nicht immer ganz sicher, wo sie sind. Zu sehr in Gedanken vertieft schrecke ich auf, als ich das laute Hupen eines Autos höre, das an mir vorbeizischt.

  

Weit oben auf den Hügeln betrachtet mich ältere Frau neugierig aus ihrem Balkon und fragt mich, was ich hier suche. Sie ruft ihre kleine Tochter, die gut Englisch spricht. Das kleine Mädchen kommt runter und fragt mich, ob sie und ihre Freundin, deren Deutsch-Kenntnisse mich nur noch mehr überraschen, mit mir gemeinsam den Hügel hochlaufen können. Einverstanden. Je höher wir auf dem Hügel ankommen, desto mehr halte ich Ausschau nach Schildern, die vor Minen warnen. Gerade weil sich hier kein Schild findet, will ich umso mehr sicher gehen, dass wir uns nicht zu sehr von der Straße entfernen. Die Kinder in Bosnien lernen in der Schule, wie man mit Minen umzugehen hat. Aber wie man weiß, lieben es Kinder auch so sehr zu spielen, dass sie manchmal die potentiellen Gefahren unterschätzen.

 

Sie scheinen, eine Stelle gefunden zu haben, die ihnen gefällt. Eine Wiese. "Halt dich fern von Wiesen", sagte ich mir die ganze Zeit in Sarajevo, nur um mich nun in dieser Situation zu befinden, in der ich Kinder auf der Wiese folgen muss. Wie ironisch, dass dieser unscheinbar friedliche Tag, wo die Sonne scheint, wo Kinder lachen, spielen und fröhlich den Hügel hinauflaufen, mir wie der gefährlichste Moment auf der Weltreise erschien, besorgniserregender als Mitternachts versehentlich in Compton zu landen, und noch besorgniserregender als das starke Gewitter, das uns stundenlang nicht in Islamabad landen ließ. Zum Glück hören die Kinder sofort auf mich, als ich ihnen sage, dass wir auf der Straße bleiben sollten. Doch nicht viel später begeistern sich die Kinder für eine ähnliche Stelle. Eine Frau, die in der Nähe des Hauses wohnt, teilt anscheinend meine Sorge, und ruft ihnen etwas zu. Doch anstatt von Minen zu sprechen, merkt sie an, dass sich an diesem Ort Schlangen befinden. Ob Minen oder Schlangen (beides wäre suboptimal), es war jedenfalls eine weise Entscheidung, zurück auf die Straße zu gelangen, wo wir die Aussicht auf die Hauptstadt Bosniens genießen und Fotos schießen, bevor wir uns wieder zurück begeben. Für die Gastfreundschaft dankend verabschiede ich mich bei der Mutter und den Kindern, bevor ich mich langsam auf dem Weg zurück ins Hostel mache.

Die Letzten Momente

Vorher stehe ich noch ein letztes Mal vor Vijecnica. Dieses Mal war etwas anders. Eine große Lücke in der Absperrung ladet mich verführerisch dazu ein, das beschädigte Gebäude zu betreten. Ein kurzer Blick nach links, dann nach rechts, und kurze Zeit später bin ich in der kalten und leeren Nationalbibliothek drinnen, um ein paar Fotos zu schießen. Bereits im Erdgeschoss höre ich die Stimmen der Bauarbeiter weiter oben. Sie erwischen mich aber erst, als ich vom obersten Geschoss versuche, die morschen Stufen wieder runter zu laufen. Anscheinend warten die Bauarbeiter auf eine Erklärung. Daraufhin tue ich einfach so, als wäre ich "versehentlich" ins falsche Gebäude rein gelaufen. Sie sehen nicht wirklich überzeugt aus, lassen mich aber gehen.

 

Fünfzehn Minuten später bin ich wieder im Hostel, wo Arijan, der Sohn der Besitzer, mir ein wenig mehr über die Kriegszeiten erzählt. Dabei zeigt er mir auch einige "Kriegssouvenirs", die er gesammelt hat. Unter den jungen Einheimischen ist es kein unübliches Hobby, verbrauchte Patronen und ähnliche Überreste des Krieges zu sammeln. Während Arijan und ich unsere Konversation fortführen, mache ich mich langsam für meinen Abflug bereit. In wenigen Stunden stand der letzte Stop an: Zagreb. "Wie ist es so, in einem Flugzeug zu fliegen?", fragt mich Arijan und erinnert mich daran, wie privilegiert ich bin, bald meinen elften Flug in fast sechs Wochen zu nehmen. Ein Taxi wird wohl nicht notwendig sein, denn sein Vater bietet mir an, mich für einen weitaus günstigeren Preis zum Flughafen zu fahren. 

 

Zurück im Flughafen begrüßt mich ein Mann und will wissen, wie mir sein Land gefallen hat. "Erkennst du mich nicht?", fragt er mich auf bosnisch. Dann geht mir ein Licht auf. Es ist der Taxifahrer, der mich bei meiner Ankunft in Sarajevo in die Altstadt fuhr. Nur bedauerlich, dass ich ihm nicht richtig antworten kann. Nicht bloß die Gastfreundschaft hat einen großen Eindruck hinterlassen, sondern der Umgang von Einheimischen untereinander, wie zum Beispiel der Bosnier demonstrierte, der sich zu einer armen, alten Frau auf die Straße setzte, sein Brot mit ihr teilte und sich mit ihr unterhielt. So etwas habe ich noch nie vorher gesehen. Indira fragte mich, was mir an Sarajevo besonders gefällt. Der Aufenthalt in Sarajevo folgte direkt, nachdem ich mehrere Länder auf verschiedenen Kontinenten besuchte, nachdem ich viele atemberaubende Orte sah. All die Einschusslöcher, die Granatenspuren und die schwer beschädigten Häuser in Sarajevo erinnern hingegen an die Hässlichkeit des Krieges. Doch die Narben Sarajevos haben es nie geschafft, die Schönheit Sarajevos zu verdecken. Gewiss sind die Erinnerungen dieser Weltreise auch mit riesigen Bauwerken gefüllt, wie die großen Mauern und dem höchsten Gebäude der Welt. Aber wenn wirklich von Größe die Rede ist, dann blicke ich auf das Herz der Bosnier.