Wie Weit Würdest Du Gehen?

Heute ist die Nacht, bevor sich alles für immer verändern wird. In einer Bar sitzend bestelle ich mein erstes Bier und blicke zurück auf die all das, was zu dem geführt hat, was mir morgen bevorsteht. Dabei stelle ich mir weiterhin dieselbe Frage, die ich mir schon seit fast anderthalb Jahren stelle: „Wie weit würdest du gehen? Um zu lieben, um zu leben, und nicht nur um zu leben, sondern um sich wirklich lebendig zu fühlen? Wie weit würdest du gehen, um aus dieses schon viel zu lange anhaltende Kapitel der Aussichts- und Perspektivlosigkeit zu beenden?“. Ich ahnte bereits sehr früh, dass der Status Quo drohte, sich in etwas weitaus Schlimmeres zu entwickeln, sollte ich nicht mein ganzes Leben ein für alle Mal auf den Kopf stellen.

 

Von außen betrachtet schien das Leben Anfang 2009 wunderbar zu laufen. Meinen manchmal selbstdestruktiven und oftmals chaotischen Lebensstil, der sich seit meiner Jugendzeit entwickelt hatte, schien ich überwunden zu haben. Von der Erlangung eines Universitätsabschlusses war ich nicht mehr weit entfernt, was mir noch vor paar Jahren unmöglich erschien. Im Marktforschungsinstitut war ich nicht länger nur damit beschäftigt, Interviews zu führen, sondern bekam noch zudem die Befugnis, alle anderen Interviewer zu betreuen. Und meine Familie schien froh zu sein, dass bei mir alles im grünen Bereich ist. Aber wie es uns allen so im Leben geht, war ich tief innen drin mit einer emotionalen Achterbahnfahrt beschäftigt, die mich zum Rasen brachte und so schnell und unkontrolliert fuhr, dass sich ihre Schrauben lockerten und sie drohte, zu entgleisen. Die treibende Kraft dahinter, wie in so den meisten Geschichten der Menschheit: Die Liebe.

 

'Love Turns Hate'

Wie so üblich, verarbeitete ich all die Negativität in Form von Musik, wann immer ich mich mit meinen Bandkollegen von ‚Love Turns Hate‘ traf, neue Songs einstudierte und sie auf der Bühne präsentierte. Bereits im Winter freuten wir uns auf den kommenden Sommer, nicht wegen dem Wetter, sondern weil wir am 24. Juli unser längstes Konzert geben würden. Obwohl wir mehr als ein halbes Jahr Zeit hatten, beschloss ich, diesem Tag besondere Aufmerksamkeit zu schenken und danach einen Wendepunkt in meinem Leben einzuleiten. Es ging mir dabei keineswegs nur um das Konzert. Vielmehr nahm ich mir vor, nach diesem Tag all die Dinge zu tun, die mir immer unmöglich schienen: Zum Beispiel mit dem Rauchen aufhören, mit dem Trinken aufhören, und alle Tage des islamischen Monats Ramadan zu fasten, etwas, was ich trotz meines muslimischen Hintergrunds nie gemacht habe, da es noch nicht lange her ist, dass ich mich noch als Agnostiker sah.

 

Meine Flasche Bier ist bereits leer, so dass ich ein zweites bestelle. Während ich warte, schaue ich mich in meinem slawischen Umfeld um, zünde mir eine Zigarette an, erhalte kurz daraufhin meine Bestellung, und vertiefe mich wieder in meinen Gedanken.

 

 

Träumer

 

Der Druck stieg, je näher die Anmeldung für die Magisterarbeit rückte. Es war weniger die Sorge, nicht zu bestehen, als die Ungewissheit, was danach passieren würde. Gleichzeitig machte mir die Routine zu schaffen. Das Sehnen nach etwas Größerem war größer denn je, und so auch mein Verlangen, einfach irgendwo ganz weit weg zu sein von all meinen Problemen hier in Offenbach. Ich müsste mich weitaus mehr wagen, als ich es bislang getan habe.

 

Es war zunächst ein Tag wie jeder andere, und ich träumte vor mich dahin, dachte über weit entfernte, fremde Orte nach, schaute mir Bilder von zahlreichen Sehenswürdigkeiten an, von der Chinesischen Mauer über den New Yorker Times Square bis hin zu den mir weniger bekannten Orten, wie etwa die Batu-Höhlen in Malaysia. Zumindest würde ich dieses Jahr mit meinen Freunden nach Amsterdam reisen. Es ist schon Jahre her, dass ich mir einen Kurztrip in ein Nachbarland gegönnt habe. Selten habe ich mir in meinem Leben einen Urlaub gegönnt, beziehungsweise gönnen können, und meist hielt ich mich nur in nahegelegenen Nachbarländern auf. So schien mir auch die Reise nach Amsterdam wie ein schlechter Trostpreis. Ich wollte nicht einfach nur Urlaub machen. Was ich wirklich mehr brauche als jemals zuvor, war eine Entwicklung im Leben mit überproportionalem Ausmaß.

 

Irgendwann schaute ich mir schließlich die Preise für verschiedene Reiseziele an.

Ich stellte mir vor, wie so eine lebensverändernde Reise aussehen sollte. Würde das eine einwöchige Pauschalreise nach Mallorca werden, wo ich den Problemen daheim für eine kurze Weile entfliehe, nur um dann darüber frustriert zu sein, wieder in eine für mich nicht auszuhaltende Routine zurückzufallen? Nein. Aber viel Zeit und Geld habe ich als Student auch nicht.

 

So stark auch der Drang war, ein exotisches, mir kulturell sehr fremdes Land zu bereisen, ließ mich der Gedanke nicht los, dass ich meine große Familie in Pakistan wiedersehen muss. Das letzte Mal, als wir nach Pakistan reisten, war ich ein Kind. Als angehender Absolvent in Amerikanistik wäre es aber vielleicht zukunftsweisender, zurück nach New York zu fliegen, ein weiterer schöner Gedanke, der mich an meine Reise nach New York vor fast 10 Jahren erinnerte.

 

 

Der Ausweg

 

Ich konnte mich nicht entscheiden. ‚Vielleicht könnte ich alles kombinieren!‘, fantasierte ich rum. Wie schön es wäre, wenn ich einfach die Welt bereisen könnte.

Über Weltreisen zu googlen war ursprünglich nur eine Maßnahme, um mich inspirieren zu lassen und Ideen zu sammeln. Aber der Gedanke, die Welt zu bereisen, ließ mich nicht los. War das wieder eines dieser vielen, sinnlosen Momente, wo es mehr um Zeitvertreib und temporäre Ablenkung ging? Ist es wieder ein bedeutungsloser Augenblick der Euphorie, bei dem man sich etwas Großes und Gewagtes vornimmt, nur um am nächsten Tag wieder alles vergessen zu haben? Es klang so realitätsfern.

 

Aber bevor ich mir diese Fragen stellen konnte, stieß ich auf die Webseite von STA Travel, die „Around the World-Tickets anbieten. Bei einem näheren Blick auf die Seite stellte ich fest, dass die Tickets verhältnismäßig viel günstiger sind, als wenn man die Flüge einzeln bucht, da die Zwischenstopps im Angebot gratis mit enthalten sind und man sich ganz viel Zeit damit lassen kann, den nächsten Flieger zu nehmen. Die Preise, die ich mir anschaute, waren so viel günstiger, dass ich begann, den Betrag auf meinem Bankkonto in einem halben Jahr auszurechnen.

 

Seminare an der Uni muss ich nur noch wenige besuchen. Wenn ich jeden Tag arbeiten würde und besonders sparsam bleibe, schlussfolgerte ich, wäre es theoretisch möglich, dass ich mich auf die größte Reise meines Lebens begeben kann: Eine Reise um die Welt. Die Frage war nur: Wie sehr will ich es?

 

Ich brauche einen weiteren Moment, um mir noch ein Drink zu bestellen, und höre mir dabei das polnische Lied an, das gerade gespielt wird. Unbeeindruckt reflektiere ich weiter darüber, was in den Folgemonaten geschah.

 

 

Ohne Fleiß keinen Preis

 

Monate vergingen, jedoch nicht ein Tag, an dem ich mein Ziel, genug Geld für die Weltreise zu sammeln, vernachlässigte. Ich ging seltener weg und verzichtete auf vieles, worauf junge Kerle in meinem Alter nur schwer verzichten können, berechnete genau, wie viel ich für was jeden Tag, jeden Monat und jedes Jahr ausgebe. Die Ziffer auf meinem Bankkonto stieg permanent. Obwohl es nicht viel war, handelte es sich doch um mehr Geld, als ich je in meinem Leben gespart hatte, was mein Selbstbewusstsein stärkte. Noch bevor der langersehnte Tag anbrach, an dem wir unser längstes Konzert gaben, hatte ich genug Geld gespart, um eine Weltreise zu buchen. Auch wenn ich den 24. Juli als den größten Wendepunkt des Jahres anvisiert hatte, würde ich die Weltreise nicht an dem Tag buchen. Zwar würde ich bis dahin genug Geld gespart haben, um eine der von STA Travel angebotenen, vorgefertigten Weltreisen zu buchen, aber ich wollte nicht eine Weltreise, ich wollte meine Weltreise, und die würde ich nur kriegen, wenn Pakistan enthalten ist, was das Ganze um einiges komplizierter macht.

 

Die Sorge, dass ich das Geld für andere Dinge ausgeben würde, hatte ich nicht, weil ich überzeugt war, dass kein Smartphone, keine neue Gitarre, kein Auto, keine Wohnung und keine Frauen meinen emotionalen Zustand ändern könnten. Mehr Gedanken machte ich mir über die Zeit. Ich war immer noch mit dem Problem konfrontiert, dass ich wegen meines Studiums nur wenig Zeit hatte, um  mich auf eine Weltreise zu begeben, doch ich dachte nicht über die Probleme, sondern über die Möglichkeiten nach, darüber, dass ich nun die Gelegenheit haben könnte, die größte Reise meines Lebens zu erleben und sie - wie kurz auch die Zeit sein würde - mit Momenten zu füllen, Momente zu kreieren, die ich nie vergessen werde, und die das Potenzial haben, alles zu verändern. Es war nicht so, dass ich mehr Hoffnung als Sorgen hatte. Meine Sorge war es aber nicht, dass irgendwas schief geht, wenn ich allein die Welt bereise, sondern was passiert, wenn ich es nicht mache.

 

In der polnischen Bar, hier in meiner Heimatstadt Offenbach, herrscht langsam mehr Stimmung, fällt mir auf, als ich mich ein weiteres Mal umsehe. Lange lasse ich mich nicht ablenken, und vergegenwärtige mir noch einmal, wie sich vieles änderte, als der Tag des großen Bandauftritts anbrach.

 

 

Ein Pakt mit Allah

 

Der 24. Juli begann bei mir mit großer Anspannung. Um den Auftritt selbst machte ich mir keine Sorgen. Mental bereitete ich mich auf all die Dinge vor, die ich mir seit Beginn des Jahres vorgenommen hatte. Wir feierten nach unserem neunzigminütigen Auftritt, bis ich irgendwann, irgendwo betrunken rumlag und mich fragte: „Wie weit würdest du gehen?“. Ab dem nächsten Tag schien es mir plötzlich leicht, keine Zigarette zu rauchen und kein Tröpfchen Alkohol zu mir zunehmen, und doch verließ mich nicht das Gefühl, dass ich mehr tun musste. Der heiligste Monat nach dem islamischen Kalender rückte näher, und ich war fest entschlossen, erstmals in meinem Leben alle Tage an Ramadan zu fasten, was mir eine lange Zeit unmöglich erschien. Aber um das Wunder zu erlangen, das ich so dringend benötigte, so fühlte ich, musste ich über meine vermeintlichen Grenzen gehen. Und ich bat Gott, mir die Chance zu geben, das Unmögliche möglich zu machen.

 

Bei den ganzen Planungen über das gesamte Jahr hindurch habe ich allerdings eine Sache nicht bedacht: Einige der letzten Tage des Fastenmonats würden sich mit der Reise nach Amsterdam überschneiden, die meine Freunde und ich schon seit langem geplant haben. In einem spirituellen Moment stelle ich mir die Frage, ob das der Moment war, wo ich meine Reise nach Amsterdam aufgeben musste, um zu fasten, damit mir der Weg für die Weltreise geebnet wird? In einem weniger spirituellen Moment fragte ich mich, ob ich einfach eine gute Zeit haben soll und vielleicht nächstes Jahr Versuche, alle Tage des Monats zu fasten. Weder auf das eine noch das andere wollte ich verzichten, so dass ich mit meinen Freunden nach Amsterdam reist, dort allerdings weiter fastete. So fand ich mich in eines der größten Partymetropolen der Welt mit meinen Saufkumpanen, umgeben von freizügigen Frauen, die sich auf der Tanzfläche einladend und überaus intim verwöhnen ließen, während ich nur da stehen konnte, möglichst wegschaute, keinen Schluck Alkohol trank, keine Frau anfasste, und auch in Amsterdam jeden Tag fastete.

 

Der Trip in Amsterdam tat mir sehr gut, und erschien mir wie ein kleiner Vorgeschmack auf eine mögliche, große Reise, die bevorstehen könnte. Nach dem Trip fastete ich die letzten Tage des Monats Ramadans, fühlte mich fitter und zuversichtlicher als je zuvor fühlte, und alles schien wieder bergauf zu gehen. Sogar das Mädchen in Deutschland, das mir so gefiel, schien sich mit mir immer besser zu verstehen.

 

„Noch ein Bier bitte“. Der Barkeeper öffnet die nächste Flasche, während ich die nächste Zigarette anzünde, über meine frömmere Zeit nachdenke und versuche, mich daran zu erinnern, wie ich es nur geschafft hatte, drei Monate lang weder zu rauchen noch Alkohol zu trinken, vor allem aber, wie ich in Amsterdam all den Verführungen widerstehen und alle Tages des Monats Ramadan fasten konnte. Wenn wir die Liebe ausklammern, hat alles, was ich letztes Jahr geplant habe, genauso funktioniert. Und doch krallen sich immer wieder negative Gedanken an meine Seele, genährt vom Druck durch die Endphase des Studiums, durch meine hoffnungslose Verschossenheit und einer ungewissen Zukunft.

 

 

Was habe ich getan?

 

So oft reden wir über große Pläne, über große Ideen, wie wir dies und jenes tun könnten, aber so oft tun wir letztendlich keines dieser Dinge. Meist sind es nur leere Worte und all das ist bereits nach kurzer Zeit wieder vergessen. Es war diesmal anders. Es schien mir sinnlos, mit irgendjemanden über meine Probleme, Träume oder Wünsche zu reden. Genug geredet. So hielt ich meinen Mund und begab mich nach monatelangem Planen und Arbeiten heimlich, still und leise zum Reisebüro von STA Travel in Frankfurt, um alles zu besprechen und mir die Möglichkeiten anzuschauen. Nun wurde mir immer klarer, wie greifbar nahe das war, was mir unmöglich erschien. Die nächsten Tage dachte ich besonders intensiv über mein Vorhaben nach und fragte mich erstmals, ob ich mir sicher bin, dass ich das tun will. Am 1. Oktober 2009 sagte ich zu mir selbst: „Und sollte alles schief gehen, bei mir geht sowieso gerade alles den Bach runter, also was soll‘s?“

Der Rest des Tages war wie ein Rauschzustand, bei dem ich meine Wohnung verließ, tausende Euros von der Bank abhob, mich wieder zum Reisebüro in Frankfurt begab, mit den Mitarbeitern alle Reiseziele zusammenstellte, ihnen dutzende Scheine in die Hand drückte und eine Rechnung erhielt. In der S-Bahn, auf dem Weg zurück, starrte ich auf das Ticket, auf den viertstelligen Betrag, den ich gezahlt hatte, sowie auf die bestätigten Reiseziele: 12 Flüge, 10 Länder, 4 Kontinente… all das in 6 Wochen. Daraufhin fragte ich mich: „Was habe ich getan?“

„Was in der Welt habe ich mir nur dabei gedacht?“ Fassungslos betrachtete ich mir weiter das Blatt, auf dem stand, dass ich in sechs Monaten um die Welt fliegen werde. „Weltreise“, ein Wort, das ich mein ganzes Leben lediglich im hyperbolischen Kontext verwendete, was stets die irreführende Ansicht bestärkte, dass Weltreisen für ‚Leute wie mich‘ unmöglich sind.

Erst als es kein Zurück mehr gab, fing ich an, über all die Dinge nachzudenken, über die man in der Regel vor so einem Vorhaben nachdenkt. Was ist, wenn dies oder jenes schief geht? Brauche ich so dringend eine Reiserücktritts- und Krankenversicherung? Was passiert, wenn ich eines der zwölf Flüge verpasse? Was ist, wenn ich krank werde oder in einem Unfall verwickelt sein sollte? Ich habe nicht mal eine Kreditkarte. Was ist, wenn ich meine Sparkassenkarrte verliere? Dass ich keinen Führerschein habe und ein schlechter Schwimmer bin, sind auch nicht gerade die besten Voraussetzungen.

 

Startklar?

Schließlich ließ ich meinem sozialen Netzwerk wissen, dass ich eine Weltreise gebucht habe. Wie erwartet, reichten die Reaktionen von Freude, über Fassungslosigkeit, von Unterstützung bis hin zur Entmutigung. Der Eine oder andere fand es verdächtig, dass ich meine Weltreise am 1. April beginnen würde und hielt es für einen April-Scherz, was ich gut verstand. Hätte mir jemand nur einen Tag, bevor ich die Idee für eine Weltreise hatte, gesagt, dass ich um die Welt fliegen könnte, hätte ich es ebenfalls für einen Scherz gehalten. Meine Mutter schien sich fast zu wünschen, dass es ein Scherz war: „Wie wirst du es schaffen, zwölf Flüge zu nehmen und um die Welt zu reisen, wenn du sogar deine Bandproben verschläfst?“. Guter Punkt. Meine Schlafprobleme hatte ich verdrängt. Die letzte Probe verschlief ich, obwohl sie erst für 8 Uhr abends angesetzt war.

Die darauffolgenden Wochen war ich mit Arbeit, Studium und dem Organisieren für die Weltreise beschäftigt. Unter Anderem beschaffte ich mir ein Visum für China. Währenddessen verbreitete sich das Wort, dass ich um die Welt fliegen werde. Es gab auch Leute, die sich zu sehr Gedanken darüber machten, was ich alles verpassen würde bei einer so kurzen Zeit. Diese Sichtweise fand ich schon immer merkwürdig. Was soll man dazu noch sagen? ‚Ja, du hast recht, ich werde nicht um die Welt fliegen und zehn Länder bereisen und bleibe stattdessen lieber in Offenbach, damit ich bloß nichts verpasse!“?

Neue Gelegenheiten hatten sich kurz vor Beginn meiner Weltreise ergeben. Irgendwie schafften wir es, in die Qualifikationsrunde eines Bandturniers zu landen, der uns nationale Anerkennung, Studioaufnahmen und sogar einen Plattenvertrag bescheren könnte. Nicht viel mehr als zwei Wochen vor Beginn der Weltreise absolvierten wir unser erfolgreichstes Konzert, und obwohl ich stark hinter unseren Musikstücken stand, war ich geschockt, als angekündigt wurde, dass wir ins regionale Halbfinale des Turniers zu ziehe würden.

 

Erst zwei Wochen ist es her. Es waren wundervolle Momente. Doch weder meine exzessiven Ausschweifungen auf der Bühne, noch das befreiende Gefühl, sich auf der Bühne die Seele aus dem Leib zu schreien oder dieses für uns eigentlich so große Erfolgserlebnis schienen reichten aus, um mich emotional positiv zu stimmen. Alles scheint so fragil, so auch bevorstehende Weltreise. Erst letzte Woche hatte ich tatsächlich meine Bankkarte verloren, mein einziger direkter Weg, im Ausland an Geld ranzukommen, wenn ich auf mich allein gestellt bin. Zum Glück habe ich sie vor paar Tagen wiedergefunden. Eigentlich ist es gut, dass mir das kurz vor der Reise passiert ist, da es als eine Erinnerung dient, wie sehr ich auf meine Wertsachen im Ausland aufpassen muss, versuchte ich meiner Mutter diplomatisch zu erklären. Sie war irgendwie nicht so überzeugt.

Heute ist die Nacht, bevor sich alles in meinem Leben für immer verändern wird, sage ich mir innerlich wiederholt selbst. Ich trinke mein Bier aus, und mache mich auf den Heimweg, der nur zwei Minuten dauert. Dabei denke ich zurück an den heutigen Abend. Mein Bruder, mit dem ich oft über Gott und die Welt philosophiere, drückte mir beim Abschied ein Buch mit koranischen Versen und Hadithen in die Hand. Meine Mutter gab mir eine Kette mit einer koranischen Inschrift als Glücksbringer mit und sagt einige Gebete auf, die ich zu selten selbst aufsage. Und bevor ich weiter nachdenken kann, steht ein afghanischer Typ vor mir.

“Nur noch ein Drink”

 „Weißt du, wo hier noch eine Bar offen hat?“. Ich verweise auf die Bar, von der ich gerade gekommen bin. Daraufhin fordert er mich auf, dass ich mich ihm anschließe. Einen Moment lang denke ich darüber nach, wie ich meine Bandprobe verschlief, wie ich meine Bankkarte letzte Woche verloren hatte und am meisten natürlich darüber, dass ich mich morgen früh auf eine Weltreise begebe. Ich sage mir selbst, dass ich das größte Vorhaben meines Lebens ernst nehmen sollte, dass ich fit, fokussiert und vorbereitet sein sollte. Und nachdem ich zu Ende gedacht habe, laufen wir zur Bar und trinken ein Bier nach dem anderen, bis ich mich irgendwann dazu aufraffen kann, meinen angetrunken Körper nachhause zu schleppen, wo ich eine Weile vor dem PC sitze und mir all die Pläne für die Reise betrachte, nicht weil ich in meinem aktuellen Zustand irgendetwas davon verstehe, sondern weil ich einfach das Gefühl habe, dass Weltreisende sowas machen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Nun sitze ich hier, fühle mich nicht mehr ganz nüchtern, betrachte mir die Einreisebestimmungen, die öffentlichen Verkehrsmittel in verschiedenen Ländern, die gesundheitlichen Risiken, die Finanzpläne, Unterkunftsgelegenheiten, bla, bla, bla, ach scheiß drauf, scheiß aufs Leben, scheiß auf das Mädel, das mir einen Korb gegeben hat, scheiß auf tippfeler, scheiß aus alles, oh man, jetzt werde ich auch noch menalkoholisch, schei? Auch dadrauf,  es geht los, ich bin breit für morgen, ich brauch jetzt Musik. „Running up That Hill“, ja, das höre ich mir jetzt an, lege mich hin, schließe meine Augen und höre zu: „And if I only could make a deal with God”… Ich öffne meine Augen. Alles in den letzten 1 ½ Jahren baut auf die nächsten 6 Wochen. All die Zeit fragt ich mich: „Wie weit würdest du gehen?“, und jetzt kann ich mit Gewissheit sagen: Um die Welt!

Travel Projects

I.    Around the World (2010)                                                           

II.   Stairway to Heaven (2011)

III.  Travelution (2012)

IV.  Era of Epicness (2013)

V.   Emergency Exits (2014)

VI.  The Slippery Path of Uncertainty (2015)

VII. Age of Turbulence (2016)

VIII. Against All Odds (2017)

IX.  Evasive Maneuvers (2018)

 X.  Home is Everywhere (2019)

XI. ??? (2020)