Angst vor Wandel oder Verlangen nach Wandel?

Wir waren zu spät dran. Die Lage hatte sich wieder beruhigt, doch noch immer war der Schwefel zu riechen. "In 40 Jahren habe ich so etwas in Deutschland noch nicht gesehen", ließ mich eine Einwohnerin aus Offenbach wissen. Für deutsche Verhältnisse waren die EZB-Proteste in der Tat herausragende Proteste. Das Eskalationspotenzial war so groß, dass mehr als 10000 Polizisten im Einsatz waren und Hubschrauber über der Finanzstadt wachten.


Wer über einen solch großen Einsatz meckert, der sei daran erinnert, mit welchen Problemen wir in der heutigen Zeit konfrontiert sind. 

Groß angelegte und lange angekündigte Proteste können ein gefundenes Fressen sein Drittparteien, die sich einen solch unübersichtlichen Chaos zu Nutze machen. Solche Szenarien haben sich insbesondere in der jüngeren Vergangenheit in diversen Regionen gefunden gefunden. Und ob man sich aus der Ferne den Rauch über der Frankfurter Skyline betrachtete oder mitten drin und von brennenden Autos, Mülltonen umgeben war, die Bilder erinnerten viele in der Tat an das Vorgeplänkel in anderen Ländern, in denen eine Revolution bzw. ein Bürgerkrieg folgte. 


Wie schnell es in Deutschland losgehen kann, ist nach 70 Jahren Frieden nur schwer vorstellbar. Und auch wenn sich die Lage wieder beruhigt hat, wäre es unangebracht, sich vollkommen sicher zu fühlen. Wir haben uns an Frieden gewöhnt. Ein paar brennende Autos entsetzen uns schnell. Viele andere entsetzt aber vielmehr, dass die Implikationen der EZB viele nicht zu entsetzen scheint. Feuer und Randale sind einfacher erfassbar, wir sehen Bilder, die wir mit Gewalt verbinden, und Gewalt ist nicht schön. Aber die Implikationen der Etablierung der Zentralbank, egal wie verheerend sie sein können, sind nicht so leicht wahrnehmbar. Es ist genau das, was der slowenische Philosoph Slavo Zizek als subjektive und objektive Gewalt bezeichnet. Und wie Recht er hat, wenn er sagt, dass die objektive Gewalt, die Gewalt, die die subjektive Gewalt auslöst und schwerer zu erfassen ist, viel verheerender ist.


Tendenziell nehmen diejenigen, die über die Ausschreitungen entsetzt sind, ohne über die Eröffnung der EZB entsetzt zu sein, nur die subjektive Gewalt wahr. Dagegen nehmen die Gegner der EZB jedoch auch und vor alem die objektive Gewalt, das schwerer erfassbare und gleichzeitig die gefährlichere. 

Viele euphorische Menschen hoffen lediglich auf irgendeine Art von Veränderung, manche unterschätzen das Eskalationspotenzial, während viele andere die Implikationen der Vorhaben der EZB unterschätzen , was in ihren Augen ultimativ das Eskalationspotenzial erhöht.


Auch wenn die Unzufriedenheit unter den deutschen immer deutlicher spürbar wird, waren es keine typischen "deutschen" Proteste. Wenn man bedenkt, dass 60 Busse aus 39 verschiedenen europäischen Städten nach Frankfurt fuhren, dann könnte man meinen, dass es vielmehr europäische statt deutsche Proteste sind. Solch große Versammlungen mit solchen Ausartungen waren in der jüngeren Vergangenheit Deutschlands auch nicht gerade charakteristisch. Wirtschaftlich gesehen geht es den Deutschen noch viel besser als vielen anderen Europäern, wo die Menschen verzweifelter sind, wütender sind. Sie sind nicht so weit gefahren, um bloß zu spazieren. Die Gewaltbereitschaft ist tendenziell gesehen schon immer unter den Menschen höher gewesen, denen es finanziell schlechter geht. . Und den Menschen aus vielen anderen europäischen Ländern geht es deutlich schlechter als dem deutschen Bürger, dessen Unzufriedenheit allerdings auch zunimmt. 


Doch ist das alles nur blinde Wut? Ein Polizeichef meinte, Blockupy würde es sich zu einfach machen, "wenn sie sagen, sie häten mit der Gewalt nichts zu tun". Doch auch der Polizeichef macht es sich zu einfach, wenn er alles auf die Blockupy-Bewegung schiebt und die Ursachen ignoriert. Das deutsche Volk ist ein sehr friedliebendes Volk, und das führt zu einem Dilemma. Selten kam es vor, dass solch friedliche Proteste etwas bewirkt haben. Gewiss ist der Schaden von Millionenhöher zu verurteilen. Man hat einen großen Verlust für Menschen verursacht, aber wie kann dann der Verlust von 1,2 Millarden Euro durch den Bau der EZB ignoriert werden? Wer also schlussendlich meint, dass die Gewalttäter schuld waren und nicht die EZB, der meint gleichzeitig, dass die EZB keinen Diebstahl begangen hat bzw. einen geringeren Schaden angestellt hat als die Vandalierer.






Erstere sehnen sich danach, dass die Menschen sich erheben. Das Feindbild Polizist lässt viele vergessen, dass dies letztendlich auch nur Menschen mit Familien sind. Für manche schien es geradezu wie ein "Festival-Ersatz", ein Anlass um sich die Kante zu geben. 


 


 



Vielleicht haben diese Ausschreitungen einigen Menschen in Deutschland die Augen geöffnet, wenn sie die Gewaltakte gegen die Polizei verurteilen, wo sie noch zuvor in die Ukraine, in Iran oder anderen Ländern geschaut haben, und vermeintlich friedliche Demonstranten bemitleideten, ohne darüber nachzudenken, dass die Polizisten auch Menschen sind und schlussendlich für Recht und Ordnung sorgen müssen. Dass dies leider nicht immer der Fall ist, ist klar. Doch pauschal jegliches Eingreifen zu erurteilen. 

 


 

 


Die einen protestieren gegen den Kapitalismus, anderer gegen den Islamismus oder gegen die Amerikanisierung. Dabei dürfte es nicht so schwer sein, den gemeinsamen Nenner zu erfassen. Autos verbrennen sind weniger effektiv, als eine Millionen Menschen auf der Straße, wie es irgendwann in Iran der Fall war und grundlegende Veränderungen durchgesetzt wurden. Doch wer solche Veränderungen will, muss bereit sein, auf starke Gegenwehr zu stoßen. 

  

 

 

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