5 Gründe, warum PEGIDA an Bedeutung gewann

Bildquelle: http://www.mdr.de/exakt/pegida102_v-webl_zc-26113564.jpg?version=2968
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PEGIDA - Ein Verein, der viel Spott, Kritik und Verurteilung einerseits, aber auch bedeutenden Zuspruch und Unterstützung andererseits erfahren hat. Es gibt sich eine Schlacht um die Gunst der öffentlichen Meinung zwischen den Mainstream-Medien und dieser neuen Anti-Mainstream-Gruppe zu erkennen, wobei sich auch diverse alternative Medien und Bewegungen von PEGIDA distanzieren und meist auch für die Mainstream-Medien weiterhin nur wenig lobende Worte übrig haben. Warum wird PEGIDA massiv verurteilt, während sich auch zeitgleich immer mehr Menschen der Bewegung angeschlossen haben? Gewiss finden sich xenophobische Menschen unter den Demonstranten, doch in der jüngeren Vergangenheit wurde zu oft der Fehler begangen, kritische Bürger zu verschiedenen Anliegen über einen Kamm zu scheren, obwohl die meisten der betroffenen Menschen sehr wichtige und entscheidende Punkte ansprachen. Viele Anliegen der PEGIDA sind durchaus für viele Menschen sehr bedeutsam. Die folgenden fünf Punkte zeigen, warum PEGIDA binnen weniger Monate zunehmend an Einfluss gewonnen hat. Der letzte Punkt wird zusätzlich mögliche Folgen des fortwährenden Einflusses von PEGIDA erläutern und dies mit den aktuellsten Geschehnissen in Verbindung bringen.

 

1.  Die Sorge vor Kultur- und Identitätsverlust

 

Was einen Teil der Demonstranten dazu besonders veranlasst hat, auf die Straßen zu gehen, ist zum einen mit der bestehenden Sorge vor einem Kulturverlust verbunden, der selbst wiederum mit dem durch Masseneinwanderung und Flüchtlingszustrom noch stärker bestehenden Potenzial eines sozio-demographischen Wandels einhergeht. Ein solcher Kulturverlust gibt sich in den Augen der Demonstranten auf verschiedenen Ebenen zu erkennen, wie etwa der vermeintliche Vorschlag der Umbenennung des Weihnachtsmarkts in den "Wintermarkt". Diese Menschen fühlen sich im eigenen Land entfremdet, und sie kämpfen für die Wahrung einer kollektiven Identität.

 

2. Die regional bedingte Distanz zu Muslimen bzw. Ausländer

 

Oftmals finden sich Fehlwahrnehmungen gegenüber verschiedenen Kulturkreisen gerade dort, wo solche Kulturkreise weniger präsent sind. Es ist auch aus diesem Grund, dass die Kundgebungen der PEGIDA deutlich mehr Zuspruch im Osten als im Westen Deutschlands fanden. Zwar wurden die PEGIDA-Demonstranten durchaus zu pauschal in die Nazi-Ecke geschoben, doch gleichzeitig ist es wohl keine arbiträre Beobachtung, dass sich gerade in den Orten Deutschlands eine größere Anhängerschaft der PEGIDA zu erkennen gibt, in denen die rechte Szene besonders stark präsent ist. Es ist in diesem Kontext auch nicht irrelevant, dass sich die Integrationspolitik in Deutschland nicht bloß auf Ausländer beschränkt, sondern dass wegen der langen Trennung zwischen Ost- und Westdeutschland auch eine Form der Reintegration der Ostdeutschen als Herausforderung gilt. Somit finden sich im Osten durchaus Menschen, die es nicht gewohnt sind, mit Ausländern zu leben, und sich gegen eine zunehmende Einwanderung aussprechen, ohne gleich rassistisch zu sein. Aber durch die "Integrationsprobleme auf zwei Fronten"  ist das Gefühl im Osten Deutschlands natürlicherweise stärker ausgeprägt, wonach Ausländer den (Ost)-Deutschen gegenüber in vielerlei Hinsicht bevorzugt werden, während sich ein Teil unter den Ausländern immer und immer wieder diskriminiert fühlt. Keine leichte Aufgabe für die Bundesregierung. 

 

3. Nicht-Islamische Komponenten, mit denen sich deutsche Bürger identifizieren

 

Sicherlich finden sich anti-islamische bzw. ausländerfeindliche Menschen in den Versammlungen. Ein ganz anderer Punkt wurde jedoch zu stark vernachlässigt, und zwar die Zunahme der Anhänger unter Berücksichtigung der ergänzten und abgeänderten Forderungen der PEGIDA, die verdeutlichen, dass die Intention vieler Anhänger eine ganz andere ist, als es viele - auch durch die Mainstream-Darstellung - vermuten. Es lässt sich schnell aufweisen, dass "PEGIDA" mehr Zuspruch gewann, je mehr sie ihre Forderungen auf verschiedene Interessensphären ausweiteten, wodurch auch die eigentliche Bedeutung des Akronyms "PEGIDA"  (Patriotische Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes) zunehmend in den Hintergrund gerückt wurde.  

 

Am 20. Oktober kam es zur ersten Kundgebung, bei der wenige hunderte Menschen anwesend waren. Fast drei Wochen später stellte PEGIDA einige Forderungen. Es findet sich jedoch fast kein Punkt, der sich auf den Kontext der Islamisierung beschränkt. Vielmehr geht es um Anliegen, mit denen sich deutlich mehr Menschen auch ganz unabhängig vom Kontext einer potentiellen Islamisierung identifizieren können, wie etwa die Regelungen im Hinblick auf die Zuwanderungs- und Flüchtlingspolitik. Den größten Beifall soll es bei dieser Kundgebung jedoch für die Forderung gegeben haben, dass das Ausdrücken der Liebe zum Vaterland eine Selbstverständlichkeit sein sollte, was durchaus ein nationalistisches, jedoch keineswegs ein 'nationalsozialistisches' Anliegen ist. Es handelt sich bei diesem Punkt viel mehr um ein pro-deutsches statt um ein anti-islamisches bzw. ausländerfeindliches Anliegen. Seitdem diese Forderungen festgelegt wurden, fanden sich nicht mehr hunderte, sondern Tausende PEGIDA-Anhänger auf den Straßen, die jedoch weiterhin nicht auf viel Gegenliebe stießen.

 

Ab dem 8. Dezember präsentiert Lutz Bachmann eine überarbeitete Version der Forderungen, die sich mittlerweile mehr als verdoppelt haben. Durch die Diversifizierung der Themen war auch das Potenzial gegeben, eine viel größere Zielgruppe zu erreichen. Es bleibt weiterhin beachtlich, dass sich die meisten Forderungen gar nicht auf den Kontext der "Islamisierung" beschränken. Als ersten Punkt spricht sich PEGIDA für die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen und politisch bzw. religiös Verfolgten aus. Weitere Punkte drehen sich um humanitäre Maßnahmen, wie die Unterbringung von Flüchtlingen in besseren Heimen oder eine bessere Betreuung von Flüchtlingen durch Sozialarbeiter. Auch wird unter Anderem die gerechte Verteilung von Flüchtlingen in Europa gefordert. PEGIDA spricht sich ab dem 8. Dezember außerdem offiziell für sexuelle Selbstbestimmung und gegen Waffenlieferungen aus. So verwundert es nicht, wenn sich für PEGIDA seitdem Massen im fünfstelligen Bereich versammeln, insbesondere nachdem die Bewegung plötzlich begann, gegen die Kriegshetze gegen Russland zu protestieren, womit sich nach der einseitigen Berichterstattung über die Ukraine im Jahr 2014 sehr viele deutsche Bürger identifizieren können.

 

Die PEGIDA hat durch ihre Ergänzungen und Abänderungen einerseits mehr Menschen für sich gewinnen können, aber andererseits ihre Glaubwürdigkeit riskiert, weil sich die "Patriotischen Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes" zunehmend in die viel schöner klingenden "Patriotischen Europäer Für die Erhaltung der abendländischen Kultur" entwickelten und das Themenspektrum so stark ausgeweitet wurde, dass es viel mehr Zielgruppen erreicht hat, während die Bewegung anfangs allein durch ihren Namen den Anschein erweckte, dass ihr Anliegen hauptsächlich gegen eine Islamisierung gerichtet sei. Warum nicht gleich so? Wenn aber fast dreiviertel der Forderungen keine Beschränkung auf das eigentliche Thema Islamisierung kennt, wieso heißen sie dann überhaupt die "Patriotischen Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes"?

Warum all die Umschreibungen und all die euphemistischen Merkmale in den überarbeiteten Forderungen, die lediglich zur Vermutung verführen, dass PEGIDA ihrer Linie nicht treu bleibe bzw. die Gründer ihre Intention zurecht "schminken"? PEGIDA, so scheint es, distanzierte sich zunehmend selbst von ihrem ursprünglichen Anliegen, das in ihrem Namen verankert ist: Dass die neue Bewegung nicht von Anfang an Proteste im Kontext der Berichterstattung zu Russland veranstaltete, lässt für einige nur noch mehr den Anschein erwecken, dass solche pro-russischen Proteste für die Gründer ein "opportunistisches Mittel zum Zweck" gewesen sind, um die vielen Gegner der deutschen Berichterstattung zum Thema Russland zu umwerben.

 

Und wenn die Gründer der PEGIDA sich einmal viel expliziter auf die Islamisierung beziehen, dann geben sich tatsächlich gewisse Vorurteile zu erkennen. In einer der wenigen Forderungen, in denen PEGIDA auch weiterhin kontextuell ausschließlich Bezug auf ihre Vorstellung einer potentiellen Islamisierung nimmt, heißt es im Wortlaut: "Für Widerstand gegen eine frauenfeindliche, gewaltbetonte, politische Ideologie, aber nicht gegen hier lebende, sich integrierende Muslime". Gewiss ist Integration notwendig, allerdings suggeriert dieser Satz, dass jeder nicht integrierte Muslim oder nicht hier lebende Muslim eine frauenfeindliche, gewaltbetonte, politische Ideologie verfolgt.  Wenn die Anhänger der PEGIDA sich ungerecht behandelt fühlen, weil sie so schnell über einen Kamm geschert werden, was sollen dann nur die Muslime sagen? 

 

4. Das medial bedingte Verständnis vom Islam

 

Die mediale Darstellung hat die deutsche Wahrnehmung des Islams seit Beginn des 21. Jahrhunderts sehr stark geprägt. Islamophobie wurde hierzulande erst ein nennenswertes Phänomen, als der mediale Fokus im Kontext des Islams vorwiegend auf radikale Gruppierungen wie die Taliban oder Al-Qaida reduziert wurde. Es verwundert umso mehr, dass ausgerechnet die Mainstream-kritischen Anhänger der PEGIDA das mediale Konstrukt des Islams so leicht angenommen haben.

 

Im Spiegel-Online-Artikel "Die Deutschen und die Muslime: Warum uns der Islam Angst macht" wird versucht, eine Erklärung dafür zu finden, warum "viele Deutsche" Angst vor dem Islam verspüren. Das Portal hat dabei in den letzten Jahren - wie auch andere Portale - genau diese Angst geschürt, wie sich durch zahlreiche Schlagzeilen zu erkennen gibt. PEGIDA kann somit zum Teil als ein Produkt einer Angst gelten, die durch eben jene Medienportale geschürt wurde, die nun PEGIDA kritisieren. 

 

Viele Muslime in Deutschland beobachten die aktuellen Entwicklungen mit Besorgnis. Einige deutsche Bürger sehen gar den Islam als Ursache aller Probleme, weil einige Radikale im Namen des Islams Übel anrichten. Dabei bedienen sich die Betroffenen Fälle derselben Logik wie die eines radikalen "Islamisten", der die Demokratie als "das Böse" erachtet, weil selbsternannte Demokraten im Namen der Demokratie Kriege führen, die Millionen Menschen das Leben gekostet haben. In Anbetracht der 

Tragödien im Irak, in Syrien und in weiteren islamischen Ländern, und unter Berücksichtigung der Verhältnisse, müsste die Demokratisierung für die dort lebenden Menschen dabei viel Angst einflößender erscheinen, als es die Islamisierung im Westen jemals war. Man könnte meinen, dass in einigen islamischen Ländern "Patriotische Araber gegen die Demokratisierung des Morgenlandes" viel notwendiger sind, als PEGIDA in Deutschland, eben weil die Demokratie in jenen Ländern hautnah in einem brutalen Kontext mit viel größerem Ausmaß wiedergegeben wird als der Islam im Westen. Die meisten dieser Menschen sind jedoch eben nicht gegen die Demokratie und man kam nie auf die Idee, ihre Feinde als "Demokratisten" zu bezeichnen.

 

5. Die wahre Bedrohung "im Namen des Islam"

 

Insbesondere die aktuellen Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten verstärken bei vielen Menschen in Deutschland die Angst vor dem Bestreben einer Zwangs-Islamisierung. Gottesfürchtige Muslime haben aber selbstverständlich keine Angst vor einer Islamisierung an sich und würden sie zu jeder Zeit sogar begrüßen, weil unter einer Islamisierung eben nicht das Aufzwingen einer radikalen Ideologie verstanden wird bzw. weil unter den Muslimen das Leben nach dem Islam das Erstrebenswerteste im Diesseits ist. Doch sind die meisten unter ihnen nicht weniger besorgt vor Ereignissen wie es im Nahen und Mittleren Osten durch den selbsternannten "Islamischen Staat" der Fall ist, der unzählige Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, Teile von zwei Ländern erobert und mit weiteren Eroberungen sogar in Europa gedroht hat.

 

Die vielen militärischen Operationen in der islamischen Welt seit Anbeginn des 21. Jahrhunderts haben die Radikalisierung in der Region insbesondere durch die hohen Opferzahlen gefördert. Einst unschuldige Menschen solidarisierten sich mit radikalen Kräften, je stärker ausländische Kräfte intervenierten, je häufiger Bomben fielen, je mehr Freunde und Familienangehörige von unschuldigen Menschen ums Leben kamen. Nun herrscht die Sorge, dass radikale Kräfte auch in Deutschland aktiv werden könnten. Mittlerweile haben sich mehr als 550 Menschen aus Deutschland der kuriosen IS-Organisation angeschlossen. 180 von ihnen sollen bereits wieder in Deutschland sein. Die meisten unter ihnen waren von der Gesellschaft ausgestoßen und ohne Perspektiven. Dies sollte die deutschen Bürger, egal welcher Konfession oder Kultur sie sich zugehörig fühlen, nur noch stärker zusammenbringen, anstatt sich weiter gegenseitig auszugrenzen.

 

Aussichten

 

Unmittelbar besteht insbesondere die Sorge, dass sich die Terroranschläge in Europa häufen werden. Nach dem "Charlie Hebdo"-Attentat in Paris, wo weder Nicht-Muslim, noch Muslim verschont blieb, ist nicht auszuschließen, dass PEGIDA erst Recht mehr Zuspruch gewinnen wird. Doch so erstrebenswert auch einige ihrer Forderungen für die Anhänger erscheinen: Es ist gerade diese Bewegung, die zu einer Spaltung zwischen Muslime und Nicht-Muslime beitragen könnte, bei der sich mehr und mehr Muslime zunehmend in der Rolle des Juden im dritten Reich sehen würden. Doch bestenfalls würden Muslime und Nicht-Muslime sich zusammen tun um zu protestieren. Das wird nicht funktionieren, wenn man "gegen die Islamisierung des Abendlandes" protestiert oder keine konstruktivere Idee findet, seine Anteilnahme an der jüngsten Tragödie in Paris auszudrücken, als die Verbreitung von anti-islamischen Karikaturen, womit man Muslime beleidigt, die mit dem Attentat rein gar nichts zu tun hatten.

 

In Deutschland gibt es bereits gemeinsame Proteste von Muslimen und Nicht-Muslimen, allerdings sind diese gegen PEGIDA gerichtet, was zweifelsfrei ein edles Signal der Toleranz an Muslime bzw. Ausländer generell ist, aber sogar größere Früchte tragen könnte, wenn man stattdessen gegen jene Mechanismen protestiert, die all diese gesellschaftlichen und politischen Probleme verursachen, und wenn man zeitgleich den Dialog mit den wahrhaftig kritischen PEGIDA-Demonstranten sucht. Diese sollten sich abgesehen von den bisher genannten Punkten fragen, warum man überhaupt gegen den Flüchtlingszustrom oder eine Islamisierung protestieren sollte und nicht lieber gegen die verlustreichen Kriege, die einen solchen Flüchtlingszustrom in großen Teilen verursachen und die dort lebenden Menschen bereits seit Zeiten des Kalten Krieges radikalisieren. Die deutsche Bevölkerung sollte gerade jetzt vereint gegen Terror sein, Generalisierungen meiden und untereinander harmonieren bzw. untereinander den Dialog aufnehmen. Doch das kann nicht passieren, wenn Millionen Muslime und viele weitere Menschen mit Migrationshintergrund ausgegrenzt werden.

 

Seit einigen Jahren gibt sich eine Gefahr zu erkennen, durch die in unserer Geschichte schon jegliche Weltanschauung als Bedrohung wahrgenommen wurde. Lange hat sich der Kommunismus, der Atheismus, das Judentum oder das Christentum in dieser Rolle gesehen. Seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts sieht sich zunehmend der Islam in dieser Rolle. Es ist auch dieses mal dieser Fehlschluss, der droht, sich verstärkt in die öffentliche Meinung einzuschleichen. Gefährlicher wird es für unsere Gesellschaft, je weniger die öffentliche Meinung dazu fähig ist, zwischen Instrumentalisierung und Instrument zu differenzieren.

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